Chemnitzer Straße


Die Chemnitzer Straße geht auf einen alten Verbindungsweg zwischen dem Dorf Plauen und der Stadt Dresden zurück. 1842/43 wurde dieser Weg zur Chaussee ausgebaut. In diesem Zusammenhang entstand an der Ecke Chemnitzer/ Nöthnitzer Straße 1843 ein Chausseehaus. In der Folgezeit siedelten sich verschiedene gewerbliche Unternehmen an, darunter die aus der Brauerei “Plauenscher Lagerkeller” hervorgegangene Falkenbrauerei und die Konservenfabrik Louis Naumann. Hinzu kamen Wohngebäude und Gaststätten sowie der im unteren Teil der Chemnitzer Straße gelegene Alte Annenfriedhof. Ab 1873 verkehrte eine Pferdestraßenbahn bis zum Dorfplatz Plauen, die 1897 bis zum Plauenschen Ring verlängert und drei Jahre später elektrifiziert wurde. Das alte Chausseehaus fiel 1887 dem Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses zum Opfer. Das gegenüberliegende Gebäude Chemnitzer Str. 96 (Foto) war vor 1933 Filiale des bekannten Bankhauses Arnhold, später Geschäftsstelle der Dresdner Bank. Nach 1945 befand sich hier viele Jahre der Klub “Müllerbrunnen” mit öffentlicher Gaststätte.

Während der Luftangriffe auf Dresden wurden auch die Südvorstadt und die angrenzenden Teile von Plauen schwer getroffen. Zahlreiche Gebäude an der Chemnitzer Straße wurden dabei völlig zerstört bzw. stark beschädigt. Der Straßenbahnverkehr kam ebenfalls zum Erliegen und wurde auch nach 1945 nicht wieder aufgenommen. 1953 erhielt die Straße gemeinsam mit dem angrenzenden Chemnitzer Platz den Namen des Schriftstellers F. C. Weiskopf (1900-1955). Weiskopf verfasste zahlreiche Romane und Reportagen zu politischen Themen und floh 1933 vor der NS-Herrschaft ins Ausland.  1991 wurde die F.-C.-Weiskopf-Straße wieder in Chemnitzer Straße zurück benannt. Heute dominieren hier vor allem gewerbliche Unternehmen. Als wichtigstes Bauvorhaben wurde 1995 der Bürokomplex “Falkenbrunnen” fertig gestellt. An der Ecke Chemnitzer/ Bamberger Straße entstand 1997 das neue Transmar Leonardo Hotel.

Foto: Der Bürokomplex “Falkenbrunnen” am Standort der früheren Falkenbrauerei

Einzelne Gebäude:

Blindenanstalt (Nr. 4): Die Blindenanstalt wurde am 2. Januar 1809 vom Privatgelehrten Emanuel Gottfried Flemming als privates Wohlfahrtsunternehmen gegründet und nutzte zunächst die Räume der ehemaligen Gaststätte “Bei Birkholzens” am Fischhofplatz in der Wilsdruffer Vorstadt. Nach Flemmings Tod 1820 richtete der Kaufmann Schütz eine weitere Beschäftigungs- und Unterrichtsanstalt für erwachsene Blinde ein. Beide Institute wurden fünf Jahre später vereinigt.

1830 übernahm der Staat die Einrichtung und ließ 1835/37 auf einer Schanze aus den Napoleonischen Kriegen eine moderne Heilstätte für Blinde errichten. Die Königliche Landesblindenanstalt bot Platz für 225 Behinderte, die hier einfache Gegenstände wie Bürsten, Seilerwaren und Handarbeiten herstellten und in einem institutseigenen Geschäft verkauften. Auch Klavierstimmer bildete man aus. 1905 wurde die Blindenanstalt nach Chemnitz verlegt.

Taubstummenanstalt: In unmittelbarer Nachbarschaft war bereits ein Jahr nach Verlegung der Blindenanstalt eine Gehörlosenschule eingerichtet worden. Initiator war der Lehrer Johann Friedrich Jencke, der sich bereits seit 1828 mit der Unterrichtung Hörgeschädigter beschäftigte. Nach Erweiterung des Gebäudekomplexes 1879 bezeichnete man die Einrichtung als Taubstummenanstalt. Mit Verlegung der Blindenanstalt konnten auch deren Gebäude an der Chemnitzer Straße 4 genutzt werden, was 1910 die Erweiterung der Anstalt um eine Schwerhörigenschule ermöglichte. 1945 wurde der Komplex zerstört. Eine Nachfolgeeinrichtung hat seit 1959 mit der “Johann-Friedrich-Jencke-Schule” ihren Sitz in Trachenberge.

Zigarettenfabrik “Aurelia”: Das Unternehmen existierte bis 1945 auf der Chemnitzer Straße 4 b und wurde beim Luftangriff nur teilweise zerstört. In den noch nutzbaren Räumen richtete 1948 der Kunstglaser Oskar Fritz Beier (1908-1972) seine Bau- und Kunstglaserei ein. Beier schuf in den 50er und 60er Jahren zahlreiche Bleiglasfenster für Dresdner Kirchen, die Studentenwohnheime auf der Hoyerswerdaer und Teplitzer Straße und die Gaststätte “Nürnberger Ei”. Nach seinem Tod 1972 übernahm der VEB Denkmalpflege den Betrieb, dessen Gebäude im Zuge der Neubebauung der Budapester Straße abgerissen wurden.

Kinderheilanstalt (Nr. 14): Die Kinderheilanstalt wurde 1834 als private Klinik gegründet und erhielt um 1880 einen großzügigen Neubau auf dem Eckgrundstück zur Altenzeller Straße. Das Haus besaß neben Behandlungs- und Aufenthaltsräumen mehrere Krankenzimmer mit großzügigen offenen Galerien, um den kranken Kindern einen Aufenthalt an frischer Luft zu ermöglichen. 1945 fiel die Kinderheilanstalt den Bomben zum Opfer und wurde wenig später abgerissen.

Firma Großmann (Nr. 26): Das Unternehmen war als Hersteller von Nähmaschinen spezialisiert auf Maschinen zur Herstellung von Strohhüten, welche in viele Länder exportiert wurden. Ladengeschäfte besaß die 1945 zerstörte Fabrik u. a. auf der Waisenhausstraße, in Striesen und Löbtau.

Konservenfabrik Naumann: Die Firma wurde von Dr. Louis Naumann als Fabrik zur Herstellung von Gewürzextrakten und Konserven gegründet. Naumann entwickelte verschiedene neue Verfahren zur Konservierung von Lebensmitteln und war ein Wegbereiter der Nahrungsmittelindustrie im Dresdner Raum. Ab 1872 hatte das Unternehmen seinen Sitz an der Wasserstraße (heute Hofmühlenstraße), bevor der Betrieb 1886 an die Chemnitzer Straße 42 / Ecke Bamberger Straße verlegt wurde. Naumann war nicht nur erfolgreicher Unternehmer sondern auch Mitglied des Plauener Gemeinderates.

Plauenscher Gasthof: Der Gasthof befand sich vor 1945 auf dem Grundstück Chemnitzer Straße 70 (Nähe Würzburger Straße) und gehörte zu den größeren Gaststätten im alten Plauen. Das Gebäude wurde 1945 zerstört und in der Nachkriegszeit abgebrochen.

Rumpelmeyer AG: (Nr. 78): Die Firma Rumpelmeyer gehörte bis zur Zerstörung 1945 zu den zahlreichen Dresdner Schokoladenherstellern, die sich vor allem im Raum Plauen/Südvorstadt konzentrierten. Neben der Rumpelmeyer AG gehörten dazu auch die unweit gelegene Firmen Weinhold & Albrecht (Bamberger Straße), Riedel & Engelmann (Zwickauer Straße) und Petzold & Aulhorn (Tharandter Straße).

Westendschlösschen: Das einst beliebte Gartenrestaurant entstand 1872 auf dem Gartengrundstück der Familie Rühle, Chemnitzer Straße 107. 1886 wurde die Gaststätte um ein Saalgebäude erweitert und entwickelte sich so zu einem beliebten Vergnügungs- und Versammlungslokal. Gern wurde dieses wegen seiner günstigen Straßenbahnverbindung auch von den Dresdnern besucht. Am 17. April 1945 beschädigten die Bomben des letzten Luftangriffes auf Dresden das Westendschlösschen und beendeten die gastronomische Tradition. Zeitzeugen berichten, dass das Gebäude danach noch als Unterkunft des “Volkssturmes” und später für sowjetische Soldaten genutzt wurde und in der Nachkriegszeit einem Brand zum Opfer fiel. An gleicher Stelle entstand 1991 ein modernes Wohn- und Geschäftshaus.

Foto: Das Plauener Westendschlösschen auf einer historischen Postkarte

 


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