Zum Reichsschmied






Der Gasthof “Zum Reichsschmied”, benannt zu Ehren des Reichsgründers Otto von Bismarck,  entstand im 19. Jh. an der Kesselsdorfer Straße und wurde 1856 von einem Schmiedemeister erworben. Das mehrfach umgebaute repräsentative Gebäude mit seinem Turm war ab 1900 beliebtes Ausflugs- und Vergnügungslokal am westlichen Stadtrand und besaß einen der größten Ballsäle der Dresdner Umgebung. Bis zu 900 Personen konnten sich hier vergnügen. Ständig wechselnde Dekorationen und farbige Illuminierung sorgten für Abwechslung beim Publikum. Noch bis in die Dreißiger Jahre fanden hier Tanzveranstaltungen statt. Gelegentlich gab es auch Vereinstreffen, Auftritte von Vokalsängern, Artisten und Kabarettisten sowie Theateraufführungen der Gorbitzer Volksschule.

1938 erwarb der Filmproduzent Fritz Boehner den ehemaligen Gasthof und richtete hier ein Filmstudio ein. Boehner gilt als Pionier des Werbefilms und produzierte mit seiner Boehner-Film bis 1945 zahlreiche Kurz- und Werbefilme für verschiedene Auftraggeber. Unter seiner Regie entstanden in den 30er Jahren die ersten Kinospots und das deutschlandweit aktive Dresdner Film-Magazin zum Vertrieb dieser Streifen. Bis 1945 waren die Gorbitzer Studios Wirkungsstätte bekannter Filmemacher und Schauspieler wie Richard Groschopp, C. A. Engel, Fritz Wollangk und Erich Ponto. In den ersten Nachkriegsmonaten wurden die Räume als Rundfunkstudio des Senders Dresden und als “Haus der Kleinkunst” für Varietéveranstaltungen genutzt.

1946 wurde das Studio enteignet und diente kurzzeitig als Niederlassung der sowjetischen Filmhandelsgesellschaft Sovexport. Danach übernahm die DEFA den Gebäudekomplex und richtete hier das DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme ein. 1955 wurde dieses in DEFA-Studio für Trickfilme umbenannt und war bis 1990 bedeutendster Trickfilmproduzent der DDR. Hier entstanden zahlreiche bekannte Puppen- und Zeichentrickfilme für Kinder, aber auch Auftragsproduktionen für das DDR-Fernsehen und öffentliche Einrichtungen. Zur Verbesserung der Produktionsbedingungen wurde der frühere Gasthof 1966 umfassend erweitert und umgebaut. Bis zur Liquidierung des Studios durch die Treuhandgesellschaft 1990 entstanden in Gorbitz über 1.400 Animations- und ca. 100 Spielfilme.

1991 kamen die Gebäude in den Besitz des Mitteldeutschen Rundfunks und seiner Tochterfirma drefa. Weitere Räume wurden an verschiedene Produktionsfirmen vermietet. Bis 2000 setzten diese die Gorbitzer Filmtradition fort. Erst mit Verlegung des MDR nach Leipzig endete die Geschichte der Filmateliers, die heute leer stehen und auf eine neue Nutzung warten.

 


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