Kaitzer Straße


Die nach dem nahegelegenen Dorf Kaitz benannte Kaitzer Straße geht auf die Zeit der Entstehung der Südvorstadt Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. 1851 begann die Erschließung des Areals südlich der Bahnlinie durch rechtwinklig verlaufende Straßen, die später bis auf die Höhen von Plauen und Coschütz geführt wurden. Schon bald entstanden hier die ersten Villen. In einem dieser Häuser wohnte ab 1866 der Schriftsteller Friedrich Gerstäcker, Verfasser zahlreicher Abenteuerromane. Gerstäckers Wohnung war mit exotischen Gegenständen ausgestattet, die er von seinen zahlreichen Reisen mitgebracht hatte.

Bis zum Ersten Weltkrieg wurde die Kaitzer Straße mit Villen und Mietshäusern bebaut, wobei unterschiedliche Stilformen zur Anwendung kamen (Foto: Kaitzer Str. 13). Leider fielen einige dieser Bauten, vor allem im unteren Teil der Straße, der Zerstörung 1945 zum Opfer. Die entstandenen Baulücken wurden Mitte der 50er und 60er Jahre durch die Wohnungsbaugenossenschaften “Glückauf” und “Süd” mit neuen Wohnblocks geschlossen.

 

Einzelne Gebäude:

Nr. 9: Die 1945 zerstörte Villa wurde 1873 nach einem Entwurf der Architekten Helm & Müller errichtet. Das zweigeschossige Gebäude (Foto) entstand im Stil der italienischen Renaissance und wies eine reiche Fassadengestaltung auf. Zeitweise wohnte hier der bekannte jüdische Bankier Heinrich Arnhold mit seiner Frau Lisa. Das Ehepaar wurde vor allem als Kunstsammler und Stifter bekannt und gründete 1916 u.a. die Dresdner Zentralküche zur Armenspeisung. Im Zuge des Wiederaufbaus wurde die ausgebrannte Ruine um 1955 beseitigt.

Nr. 14: Die 1871 von Georg Otto Ludewig im traditionellen Dresdner Stil errichtete Villa gehörte ab 1896 Elisabeth Margarethe Hohlfeld, deren Nachkommen das Haus noch heute besitzen. In den 30er Jahren befand sich hier eine der ersten physiotherapeutischen Praxen in Dresden. Das Gebäude überstand als eines der wenigen in diesem Bereich den Zweiten Weltkrieg ohne größere Schäden und wurde 1991 denkmalgerecht saniert.

Nr. 18: Das Haus entstand 1871 nach Plänen von Otto Solms im Stil der Semper-Nicolai-Schule. Zunächst diente das Gebäude als Wohnhaus. Später beherbergte es das Töchterheim Küster. Auch im Nachbarhaus Nr. 22 gab es vor 1945 ein Mädchenpensionat für junge Frauen aus wohlhabenden Familien.

Nr. 26: In diesem 1945 zerstörten Haus wohnte bis zu seinem Tod 1938 der bekannte Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt. Gurlitt ließ an der Fassade des Gebäudes eine wertvolle Renaissanceplastik anbringen, die nach 1945 aus den Trümmern gerettet werden konnte. Heute ist sie am Haus Hauptstraße 21 in der Inneren Neustadt zu sehen.

Villa Bienert: Der Ende des 19. Jahrhundert entstandene Neorenaissancebau an der Ecke zur Würzburger Straße befand sich ab 1890 im Besitz der Mühlenbesitzerfamilie Bienert. In den Zwanziger Jahren wurde das Haus zum Treffpunkt eines künstlerisch interessierten Freundeskreises um die Hausherrin Ida Bienert (1870-1965). Diesem gehörten u. a. Walter Gropius, Oskar Kokoschka, Paul Klee, Otto Dix und Mary Wigman an. Auch die Tanzpädagogin Gret Palucca war oft bei Bienerts zu Gast und heiratete 1924 deren Sohn Friedrich.

Neben ihrem sozialen Engagement in ihrer Heimatgemeinde Plauen trug Ida Bienert auch eine der bedeutendsten Dresdner Privatsammlungen an moderner Kunst zusammen. Zu dieser Galerie, die später nach München verbracht wurde, gehörten Werke von Chagall, Dix, Gauguin, van Gogh, Kokoschka und Picasso. Nach dem Wegzug der Familie Bienerts nutzte zunächst das Stadtmuseum einige Räume im Haus. Später übernahm die Technische Universität die Villa.

Nr. 73-77: Auf dem Ruinengrundstück entstand 1955 ein Wochenkindergarten für die im Schichtdienst beschäftigten Mitarbeiter der SDAG Wismut. 1962 übernahm die Stadt das Gebäude und richtete hier 1978 die erste kombinierte Kindertagesstätte Dresdens (Kinderkrippe und Kindergarten) ein. Heute wird diese Kita von der Arbeiterwohlfahrt betrieben.

Nr. 85: Bis zur Zerstörung des Gebäudes 1945 wohnte hier der Kreuzorganist Herbert Collum. Collum gehört zu den wichtigsten Dresdner Musikerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts und war maßgeblich am Wiederaufbau des Musiklebens nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt. Zu den wenigen aus den Trümmern geretteten Gegenständen gehörte Collums Hausorgel, welche später durch seinen Sohn nach Köln kam. Künftig ist eine Aufstellung in der Alten Kapelle in Cossebaude geplant.

 

Backwarenfabrik Dr. Quendt:

Das Unternehmen auf der Kaitzer Straße 92/94 wurde 1876 von Richard Vollmann und Wenzel Hromadka in einem Plauener Bauerngut gegründet und produzierte unter dem Namen “Original Wiener Waffel-, Hohlhippen-, Bisquit- etc. Special-Fabrik” verschiedene Dauerbackwaren. Nach Übernahme des Betriebes durch Richard Wiener im Jahr 1905 wurde der Betrieb weiter ausgebaut und gehörte zum offiziellen Kreis der Königlichen Hoflieferanten. 1937 kam er in den Besitz der Unternehmersfamilie Max und Gerhard Berger und deren Compagnon Böhme und stellte fortan unter dem Namen BERBÖ (Berger & Böhme) vor allem Waffeln und ähnliche Süßwaren her. 1945 zerstörten Bomben große Teile der Produktionsanlagen.

Werbeanzeige der Firma Vollmann & Hromadka aus den Zwanziger Jahren

Bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit konnte die Herstellung von Roggenkeksen und fettarmen Gebäck jedoch wieder aufgenommen werden. 1957 kam das Unternehmen Berger & Böhme zu 94 % in Staatsbesitz und begann zwei Jahre später mit der Herstellung von Russisch Brot. Der 1972 vollständig verstaatlichte VEB RuBro Dresden gehörte ab 1974 zum VEB Elite Dauerbachwaren Dresden. Leiter dieser Firma war der Erfinder der Dominosteine, Herbert Wendler, der sein Unternehmen in Klotzsche ebenfalls an den Staat abgeben musste.

Nach der politischen Wende wurde auch dieser VEB aufgelöst und 1991 als Dr. Quendt Backwaren GmbH neu gegründet. Neben der von Dr. Hartmut Quendt entwickelten modernen Anlage zur Russisch-Brot-Herstellung übernahm das Unternehmen 1998 auch die in Konkurs gegangene Firma Herbert Wendlers und setzte bis 2009 deren Tradition als Dominostein-Hersteller fort. Im Jahr 2000 bezog das Unternehmen moderne Produktions- und Verwaltungsräume im Coschützer Gewerbegebiet, wo der Betrieb bis heute seinen Sitz hat.
 


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