Großenhainer Straße


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Die heutige Großenhainer Straße geht auf die frühere “Haynische Straße” zurück, die die Residenzstadt mit Großenhain verband. Diese wichtige Verbindung hatte ihren Ausgangspunkt am Leipziger Tor (Palaisplatz) und führte über Pieschener und Trachauer Flur weiter nach Großenhain. Da sie als Poststraße von Bedeutung war, wurden um 1700 auch hier Meilensteine nach Plänen des sächsischen Vermessers Zürner aufgestellt, u.a. am heutigen Trachenberger Platz und am Abzweig Radeburger/ Hansastraße. Leider sind die Steine heute verschollen.  

Im 19. Jahrhundert bürgerte sich für diese wichtige Verbindung der Name Moritzburger Chaussee bzw. Berliner Straße ein. Nach 1850 wurde sie offiziell Großenhainer Straße genannt. Während der der Bahnlinie zugewandte Teil bereits um 1840 als Standort für verschiedene Gewerbebetriebe attraktiv wurde, entstanden die meisten Wohnhäuser der Nordseite erst nach 1890. Ab 1891 fuhren über die Großenhainer Straße die ersten Straßenbahnen, zeitweise sogar mit Gasmotorantrieb, zum Betriebshof  Trachenberge und zum Wilden Mann (Foto: Haltestelle Liststraße).

Zu den Firmen, die einst an der Großenhainer Straße ihren Sitz hatten, gehörten u.a. die Nähmaschinenfabrik Clemens Müller, die Zigarrenfabrik Bürckner & Siebmann, die Kammgarnspinnerei Creuznach, die Maschinenfabriken Jahn & Beyer sowie Schilling & Co., die Blechwarenfabrik Mayer & Co., die Farbenfabrik Pillnay, die Chemischen Fabriken Arlt & Borkowski, Hubert und Böhme, die Firma Schriftguß Gebrüder Butter, die Schokoladenfabrik Jentzsch sowie die Likörfabrik Woldemar & Schmidt. Hinzu kamen verschiedene Kleinbetriebe, Händler, Handwerker und Verkaufseinrichtungen. Fast alle größeren Unternehmen gingen nach 1945 in Volkseigenen Betrieben auf, von denen hier nur der VEB Typoart als Hersteller von Druckformen sowie die Firma DHZ Maschinenbau (ehem. Eisenwaren und Ofenbau Klotz) erwähnt werden sollen.

 

Leipziger Vorstadt:

Ihren Ausgangspunkt hat die Großenhainer Straße am Neustädter Bahnhof. Unmittelbar an der Eisenbahnunterführung erinnert eine Gedenktafel an den Ingenieur Theodor Kunz, der maßgeblich am Bau der für die weitere Entwicklung dieses Stadtteils wichtigen Eisenbahnstrecke nach Leipzig beteiligt war. Der folgende Abschnitt ist von verschiedenen gewerblichen Unternehmen geprägt. Hinzu kommen Wohn- und Geschäftshäuser unterschiedlichsten Baustils. Markantestes Gebäude ist die am Großenhainer Platz gelegene St.-Petri-Kirche. Unweit der Kirche erinnert ein aus dem 19. Jahrhundert stammender Taubenturm an die ländliche Vergangenheit des Stadtteils. 1925-30 entstand zwischen Großenhainer, Hansa- und Conradstraße eine größere Wohnanlage durch die Eisenbahner- Wohnungsbau-Genossenschaft (Foto).

Nr. 28: Das Grundstück wurde 1892 von den Ingenieuren Oskar Schwab und Carl Lührig erworben, die hier ihre1889 in Leipzig begonnene Entwicklung gasbetriebener Straßenbahnfahrzeuge fortsetzten. Zunächst entstanden verschiedene Testmodelle, die am 28. Juli 1892 ihre erste erfolgreiche Probefahrt absolvierten. 1893/94 folgten weitere Fahrzeuge für den Einsatz auf den Strecken der englischen “Gas Traction Company Ltd.” in London. Schließlich konnten 1894 auch fünf Wagen für die Deutsche Straßenbahngesellschaft in Dresden gebaut werden, die bis zur Betriebseinstellung 1896 als Gasstraßenbahn zwischen dem Albertplatz und dem Wilden Mann verkehrten. Später hatte auf dem Grundstück die Chemische Fabrik Böhme ihren Sitz.

Nr. 30: Dieses Grundstück befindet sich seit 1885 im Besitz der St.-Petri-Kirchgemeinde. Ursprünglich plante diese, auf dem Areal ein neues größeres Gemeindehaus zu errichten, was jedoch nicht zustande kam. Das vorhandene Gebäude wurde bis zur Zerstörung 1945 als Pfarrhaus genutzt und in der Nachkriegszeit für wieder aufgebaut.

Orgelbau Jehmlich (Nr. 32): Die Orgelbauerwerkstatt wurde 1808 von den Brüdern Johann Gotthold, Gotthelf und Carl Gottlieb Jehmlich im Erzgebirgsort Neuwernsdorf gegründet und 1826 nach Dresden verlegt. Johann Gottlieb war hier führend am Umbau der Kreuzkirchenorgel beteiligt und wurde 1836 zum Königlich-Sächsischen Hoforgelbauer ernannt. Unter seiner Regie und der seines Sohnes Carl Eduard entstanden bis 1888 auf dem Firmengrundstück an der Freiberger Straße 14 ca. 60 Orgeln, welche auch in andere europäische Länder exportiert wurden. Später übernahmen die Söhne Emil und Bruno Jehmlich das Unternehmen und bauten es weiter aus. Seit 1897 befinden sich die Büro- und Geschäftsräume auf der Großenhainer Straße 32, wo das Unternehmen bis heute von den Nachkommen der Familie fortgeführt wird. 1972 in einen VEB umgewandelt, erhielt Horst Jehmlich seinen Betrieb 1990 zurück.

In den Werkstätten entstanden zahlreiche Orgeln sowohl für sächsische Kirchen als auch für Kirchen und Konzerthallen im In- und Ausland. So baute Carl Eduard Jehmlich im Jahr 1888 die erste pneumatische Orgel Sachsens, welche noch heute in der Kirche in Röhrsdorf bei Wilsdruff zu hören ist. Außerdem erwarb sich die Firma Jehmlich Verdienste bei der Rekonstruktion der noch erhaltenen Silbermannorgeln und war 1964 am Nachbau der Silbermannorgel der Hofkirche beteiligt. In Dresden befinden sich Jehmlich-Orgeln u. a. in der Kreuzkirche, der St. Petri-Kirche am Großenhainer Platz, der Herz-Jesu-Kirche in Striesen, der Thomaskirche in Gruna und in der Pillnitzer Weinbergskirche.

Das Gebäude Großenhainer Straße 32 ist mit seinen verschiedenartigen Balkonen und Erkern auch architektonisch interessant. Errichtet wurde es als Wohn- und Geschäftshaus im Jugendstil. Um 1902 befand sich hier eine Geschäftsstelle der Ortskrankenkasse.

 

Pieschen:

An der Eisenbahnbrücke der Bahnstrecke Dresden - Leipzig und dem dahinter liegenden Pestalozziplatz erreicht die Großenhainer Straße Pieschener Flur. Das markante Schulhaus wurde von Hans Erlwein entworfen, der Vorplatz gärtnerisch gestaltet. In den ersten Nachkriegsmonaten hatte in dem Gebäude die sowjetische Stadtkommandantur ihren Sitz.

Deutsches Haus: Die Gaststätte (Foto) entstand Ende des 19. Jahrhunderts an der Großenhainer Straße 93 und wurde wegen ihres 1894/95 errichteten großen Saals auch für verschiedene politische Veranstaltungen genutzt. Außerdem fanden hier Bälle, Konzerte und ähnliche Vergnügungen statt. Während des Zweiten Weltkrieges richtete die NSDAP ein “Gefolgschaftslager” in den Räumen ein. Nach 1945 wurde das Gebäude zunächst von einer Elektromotorenfabrik genutzt, bevor 1995 wieder eine Gaststätte einzog. Als “Haus der Begegnung” dient das sanierte Gebäude heute als Begegnungsstätte der Partei “Die Linke”.

Sächsisches Druck- und Verlagshaus: Das Gebäude an der Großenhainer Straße 101/ Ecke Heidestraße wurde 1940 als bombensicherer Stahlbetonbau für die Fertigung kriegswichtiger Güter wie U-Boot-Teile gebaut und gehörte zur Firma Zeiss-Ikon. 1945 übernahm das Sächsische Druck- und Verlagshaus den Komplex und richtete eine Druckerei ein. Neben anderen Druckerzeugnissen wurde hier auch viele Jahre die “Sächsische Zeitung” gedruckt. Der Kultursaal diente in der Nachkriegszeit als Veranstaltungsort für Konzerte und Theateraufführungen sowie für politische Versammlungen. In den seit 1996 leer stehenden Räumen wurde 2004 ein Gründer- und Gewerbehof eingerichtet.

Busch´s Gaststätte (Nr. 102): Das Gebäude entstand im 19. Jh. als Ausspanne für Fuhrleute und gehört zu den ältesten Häusern an der Großenhainer Straße. Seit 1870 befand sich hier ein kleines Familienlokal, welches ab 1912 “Busch´s Gaststätte” genannt wurde. Die Gaststätte ist teilweise mit historischem Inventar ausgestattet und wird wegen ihrer preiswerten sächsischen Küche auch heute noch gern besucht.

Nr. 133/135: Das dreigeschossige Doppelhaus entstand 1902 als Wohnhaus. Die Fassade ist mit Backstein verkleidet, Teile des künstlerischen Schmucks weisen Jugendstilformen auf.

Lichtspieltheater Großenhainer Straße (Nr. 146): Das Filmtheater in der Nähe des Hubertusplatzes existierte bereits vor dem Zweiten Weltkrieg und wurde zunächst als “Rädelsburg” bezeichnet. 1945/46 dienten die Räume zeitweise als Quartier für russische Soldaten. Später wurde es noch bis Ende der 1970er Jahre als ”Lichtspiele Großenhainer Straße”  weitergeführt, schließlich jedoch geschlossen. Das Gebäude steht seit 1990 unter Denkmalschutz.

Nr. 148: Die kleine Villa entstand kurz nach 1900 als Wohnhaus eines Gummiwarenfabrikanten. Das originelle Gebäude wurde ganz aus Holz gebaut und erinnert in seiner Gestaltung an altrussische Wohnhäuser.

Nr. 149: Das heute unter Denkmalschutz stehende Gebäude entstand 1913 im Auftrag der Kaiserlichen Reichspost und beherbergte zwischen 1914 und 1999 das Postamt Dresden N 23. Über dem Eingang sind noch deutlich Inschriften und Postsymbole aus der Entstehungszeit zu erkennen. 1999 wurde das Amt geschlossen und durch eine Postfiliale in einem nahegelegenen Schreibwarenladen ersetzt.

Foto: Villa Großenhainer Straße 157

Nr. 166: Im Erdgeschoss dieses Hauses wurde am 7. November 1957 die erste Selbstbedienungs-Verkaufsstelle der Dresdner Konsum-Genossenschaft eröffnet. Im Angebot waren Gemüsekonserven, Feinfrostprodukte, Spirituosen und Kosmetikartikel. Mit dem neuartigen Konzept sollte dem zunehmenden Mangel an Arbeitskräften begegnet werden. Bis Ende 1959 entstanden in ganz Dresden insgesamt 85 Verkaufsstellen mit Selbstbedienung, welche sowohl vom Konsum als auch von der DDR-Handelsorganisation HO betrieben wurden.

 

Trachenberge:

Im oberen Abschnitt der Großenhainer Straße erinnern noch einige Villen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an die Vergangenheit des Vorortes Trachenberge als Sommerfrische. Bemerkenswert sind u. a. die Häuser Nr. 194 (Sommerfrische “Phönix”) und die 1885 im italienischen Renaissancestil erbaute Villa Großenhainer Straße 241. Um 1880 wurde am Wilden Mann die einst beliebte, nach 1990 jedoch geschlossene “Bergwirtschaft” eröffnet.

Foto: Die Großenhainer Straße am Wilden Mann auf einer historischen Ansichtskarte

Nr. 196: Das Gebäude entstand 1889 als “Villa Phönix” und befindet sich heute innerhalb der Gleisschleife der Straßenbahn. 2010 wurde das nach 1990 viele Jahre leer stehende Haus saniert und heute als Wohn- und Geschäftshaus genutzt.

Nr. 203: Das freistehende Doppelwohnhaus entstand 1902/03 für Gustav Emil Wehner. Die Bauausführung oblag dem Baumeister Otto Foerster, der für verschiedene Villen und Mietshausbauten in Dresden verantwortlich zeichnete. Das Gebäude mit Anklängen an den Jugendstil steht beispielhaft für die um diese Zeit errichten künstlerisch qualitätvollen Wohnhausbauten in Trachenberge.

Nr. 219: In diesem Gebäude wohnte in den 30er Jahren der bekannte Leichtathlet Rudolf Harbig. Harbig arbeitete als Ableser bei der DREWAG und gehörte zu den populärsten Sportlern seiner Zeit Als “Wunderläufer” stellte er mehrere Weltrekorde auf und wurde mehrfach Welt- und Europameister. 1944 fiel er als Soldat an der Ostfront. An ihn erinnert auch das Rudolf-Harbig-Stadion an der Lennéstraße.

Nr. 241: Die zweigeschossige Villa entstand 1885 im Stil der italienischen Renaissance. Charakteristisch ist der das Hauptgebäude überragende Eckturm sowie eine Terrasse auf der Gartenseite. Mit der Gestaltung wurde geschickt auf die Hanglage des Grundstücks Rücksicht genommen.

 


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