Rähnitz wurde 1269 erstmals als “Ranis” urkundlich erwähnt. Der Name ist vermutlich von
einem slawischen Ortsgründer Ronyz abgeleitet. Die Besiedlung erfolgte in zwei Etappen, wobei sich der ältere Dorfteil zwischen Bauernweg und Hellerstraße erstreckt und schon
um 1150 besiedelt worden sein könnte. Später folgte der jüngere Teil zwischen Hellerstraße und Vorerlenweg, wahrscheinlich bereits durch deutsche Zuwanderer. 1441
befanden sich auf Rähnitzer Flur zwei Vorwerke. Das niedere, auch als Knapsdorf bezeichnet, gehörte bis 1310 dem Dresdner Hospital, später zum Amt Moritzburg. 1547
wurde es unter fünf Rähnitzer Bauern aufgeteilt, die bis ins 19. Jahrhundert die sogenannte “Klöppelgemeinde” bildeten.
Die Bauern des oberen Vorwerks unterstanden bis zur Auflösung der Patrimonialgerichtsbarkeit um 1840 dem Rittergut
Döhlen (heute Stadtteil von Freital) und gehörten der “Bullengemeinde” an. Beide umgangssprachliche Bezeichnungen
gehen auf bäuerliche Traditionen zurück: während in der “Klöppelgemeinde” die Bewohner durch Anschlagen eines Klöppels zu Versammlungen gerufen wurden, mussten die Bauern der “Bullengemeinde” den Gemeindebullen zur
Deckung der Kühe stellen. Erst 1840 endete diese Trennung mit Einführung der sächsischen Agrarreformen und Rähnitz wurde ein eigenständiges Dorf mit eigenem Gemeinderat.
Der von der Landwirtschaft geprägte Ort hat bis heute sein früheres Bild teilweise bewahrt. Am Bauernweg sind noch
einige Gehöfte erhalten geblieben, die meist nach 1813 entstanden sind. An die frühere Bedeutung der hiesigen
Bauerngüter zur Versorgung der Stadt Dresden erinnert auch die Rähnitzgasse in der Inneren Neustadt. Noch im 19.
Jahrhundert gab es am Bauernweg eine Dorflinde, die ihren Standort zwischen den Anwesen Bauernweg 12 und 14 hatte und einst als Gerichtslinde diente. Leider fiel diese wie auch der 1929 zugeschüttete Dorfteich späteren
Veränderungen zum Opfer.
Im Jahr 1590 ist erstmals eine Dorfschmiede erwähnt. Um 1600 kam die Vogelstellerei auf, wobei die Tiere vorrangig zur Befriedigung der Bedürfnisse des Hofes gefangen wurden. 1673 erteilte Kurfürst
Johann Georg II. seinem Kammerjunker Hans Caspar Knoch die Genehmigung zur Anlage eines Weinbergs auf Rähnitzer Flur. Aus diesem Weingut ging die spätere Ausflugsgaststätte “Hellerschänke” hervor, die bis 1956 existierte. 1813 wurde Rähnitz in den Napoleonischen Kriegen in Mitleidenschaft
gezogen. An die Kämpfe erinnert ein Gedenkstein vor dem alten Spritzenhaus am Bauernweg (Foto).
1899 erhielt Rähnitz einen eigenen Friedhof mit einer kleinen Kapelle, die 1904 zur heutigen Kirche erweitert wurde. Bereits 1839 war eine Dorfschule entstanden, die sich bis heute zur 85. Mittelschule
an der Radeburger Straße weiterentwickelte. Hier war der Schriftsteller Kurt Gerlach als Lehrer tätig, dessen Tochter Tine Schulze-Gerlach ebenfalls als Schriftstellerin bekannt wurde.
Um die Jahrhundertwende wurde Rähnitz in Richtung Hellerstraße um eine Kleinhaussiedlung erweitert. Seit dieser Zeit
besteht hier auch die beliebte Gaststätte Lindengarten. Aus einem weiteren Lokal mit Namen “Zur Hoffnung” entstand
1950 das Kulturhaus Hellerau. Begünstigt wurde die Entwicklung des Ortes durch die ab 1909 auf Rähnitzer Flur
entstandene Gartenstadt Hellerau, mit der sich Rähnitz 1919 zum Doppelort Rähnitz-Hellerau vereinigte. In den 1930er
Jahren wurde die Autobahn Dresden - Bautzen an Rähnitz vorbeigeführt und die Straßenbahn von Hellerau bis hier verlängert. Das Autobahndreieck vor den Toren des Ortes war zwischen 1951 und 1972 Schauplatz für
Motorradrennen auf der “Hellerauer Spinne”. Noch am 17. April 1945 zerstörte eine verirrte Fliegerbombe das
Rähnitzer Anwesen Bauernweg 23, an dem heute eine Gedenktafel an dieses Ereignis erinnert. Foto: Das heute geschlossene ehemalige Kulturhaus Hellerau im Rähnitzer Ortskern
Bedingt durch den Bau des Flughafens verloren die Rähnitzer Bauern einen Teil ihrer Anbauflächen. Nach Kriegsende gewannen deshalb
kleinere Industriebetriebe an Bedeutung. Die verbliebenen Bauern schlossen sich 1953 zur LPG “Kurt Schlosser” zusammen und bewirtschafteten Flächen in Rähnitz, Klotzsche, Wilschdorf, Volkersdorf und
Moritzburg. Bis 1969 existierte in Rähnitz noch eine zweite LPG “Heiderand”, die sich später mit weiteren genossenschaftlichen Landwirtschaftsbetrieben der Umgebung zusammenschloss. Für diesen Betrieb entstanden am
Ortsrand einige größere Stallanlagen. Außerdem wurde bereits 1957 das frühere “Erbgericht” zum Verwaltungszentrum umgebaut. Schulen in Rähnitz:
Rähnitz bildete seit dem 19. Jahrhundert einen eigenen Schulbezirk. Allerdings fand der Unterricht zunächst in Form einer
“Wandelschule” in verschiedenen angemieteten Räumen statt. Erst 1839 wurde an der Hellerstraße ein eigenes
Schulhaus errichtet, welches heute als Kindertagesstätte dient. Ein moderner Schulneubau entstand in den 80er Jahren an
der Radeburger Straße 168. Dieser wurde nach 1990 als 85. Mittelschule “An der Meridiansäule” genutzt und im Sommer 2006 geschlossen. Heute befindet sich hier die 85. Grundschule. Lindengarten Hellerau: Der Lindengarten entstand als Dorfgasthof des Ortes Rähnitz und erhielt 1898 einen bis heute erhaltenen Saalanbau. Um
1900 wurde diese Gaststätte nach ihrem Besitzer “Traugott Schmiedgens Etablissement” genannt und war beliebtes
Tanz- und Vergnügungslokal. Der während des Ersten Weltkriegs als Lazarett genutzte Bau erlebte in den Zwanziger
Jahren, bedingt durch den Zuzug zahlreicher neuer Einwohner nach Hellerau, eine neue Blütezeit und wurde 1928
erweitert. 1945 befand sich in den Räumen kurzzeitig die Lotterieauswertungsstelle der Stadt Dresden, bevor das Haus
als “Lindengarten Hellerau” wieder geöffnet wurde. 1995 erfolgte ein kompletter Umbau zur Diskothek, bei dem die historische Innenraumgestaltung des Ballsaales weitgehend verloren ging. Foto: Der Lindengarten Rähnitz auf einer historischen Postkarte Rähnitzer Windmühle: Das Baujahr der ersten Windmühle ist nicht bekannt. Vermutlich entstand sie nach 1780 und
war eine hölzerne Bockwindmühle. 1804 wurde diese Mühle durch einen Steinbau ersetzt. Dieser war während der Napoleonischen Kriege 1813 umkämpft, woran später eine in den
Grundmauern steckengebliebene Kanonenkugel erinnerte. Schadhafte Mühlenflügel und die zunehmende Konkurrenz moderner Industriemühlen führten 1904 zur Einstellung des
Mahlbetriebs. Daraufhin wurde sie von ihrem Besitzer Reinhold Karnagel zum Aussichtsturm umgebaut. Am Fuße der Mühle entstand ein Gasthaus, welches wegen seiner herrlichen
Aussicht vor dem Zweiten Weltkrieg beliebtes Ausflugsziel war. 1955 mussten Mühle und Gasthaus der Erweiterung des Klotzscher Flughafens weichen.
Meridiansäule:
Die 10 Meter hohe Sandsteinsäule, wegen ihrer Form im Volksmund auch “Butterstampe” genannt, wurde 1828 als nördlicher Vermessungspunkt eines geodätischen Koordinatensystems errichtet. Das Gegenstück befand sich auf der
Goldenen Höhe in der Nähe von Bannewitz. Initiator der Säule war der sächsische Vermesser Wilhelm Gotthelf Lohrmann, der mit der Vorbereitung eines neuen Katastersystems für die Grundsteuererhebung beauftragt war. Die
eigentliche Messtelle lag auf dem Zwingerwall in der Innenstadt. Von dort aus bestimmte Lohrmann mit Hilfe seiner Instrumente die exakte Nord-Süd-Linie. An sein Projekt erinnert eine Gedenktafel an der Rähnitzer Säule.
Foto: Meridiansäule mit Lohrmann-Gedenktafel Weiterführende Literatur und Quellen
Rähnitzer Nachrichten 1. Juli 2010: Im Eigenverlag von Siegfried Bannack ist in Kooperation mit CeWe Color ein neues Fotobuch “100 Jahre
Hellerau mit dem älteren Ortsteil Rähnitz” erschienen. Das Buch enthält auf 130 Seiten zahlreiche historische und aktuelle Fotografien der beiden Stadtteile, ergänzt um ortgeschichtliche
Hintergrundinformationen. Erhältlich ist das Buch zum Preis von 19,80 ¥ bei Siegfried Bannack, Geschwister-Scholl-Str. 59, 01109 Dresden, Tel. 0351-890 60 82.
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