Die heutige Schandauer Straße geht auf einen alten Fahrweg zurück, der von der Dresdner Innenstadt durch Felder und Wiesen nach Pillnitz führte und dabei auch den alten Dorfkern von Striesen berührte. Erst
1765-68 erhielt er seinen heutigen Verlauf. Grund waren die engen und oft schmutzigen Straßen im Ort, die von den Wettinern auf ihren Reisen zum Pillnitzer Schloss gemieden werden sollten. Bis heute ist diese
Straßenverlegung in einem “Knick” im Straßenverlauf erkennbar. Im 19. Jahrhundert erfolgte der Ausbau dieser Straße, an der nach 1880 zahlreiche Gewerbebetriebe, aber auch Wohnhäuser entstanden. 1884 fuhr
zum ersten Mal eine Pferdestraßenbahn nach Striesen. Zum Unterstellen der Pferde entstand an der Ecke Geisinger Straße ein Straßenbahnhof mit Hallen und Stallgebäude. 1901 wurde die Straßenbahnlinie elektrifiziert,
wodurch dieser Straßenbahnhof überflüssig wurde. Die Gebäude wurden nun in eine Reparaturwerkstatt für Automobile umgewandelt, deren Nachfolger heute ein Kfz-Handel ist. Bis 1945 gehörte die Schandauer Straße zu den wichtigsten Geschäftsstraßen im
Dresdner Osten. Bekannte Läden waren die Wettin-Apotheke (Nr. 1), das Sporthaus Metzler (Nr. 15) sowie die große Schuhhandlung Schmidt im Haus Nr. 23. Im östlichen
Teil um den Pohlandplatz dominierten hingegen Gewerbebetriebe, darunter die Striesener Kamerafabriken Ernemann und Ihagee, die Zigarettenfabrik Jasmatzi, die Wäscherei Märksch sowie die bereits 1783 gegründete Druckerei C. C. Meinhold & Söhne.
Zahlreiche Gebäude fielen 1945 den Bomben zum Opfer und wurden in den 60er Jahren durch neue Wohnblocks ersetzt. Weitere Baulücken konnten erst nach 1990 geschlossen
werden. 2010 entstand an der Ecke Schandauer / Bärensteiner Straße ein modernes Einkaufszentrum.
Foto: ehemaliges Kaufhaus an der Ecke Schandauer / Bergmannstraße Einzelne Gebäude: Gasthof “Zum Sächsischen Prinzen”: Dieses älteste Striesener Wirtshaus wurde Mitte des 18. Jahrhunderts vom Dresdner
Hofuhrmacher Johann Heinrich Naumann gegründet, der zuvor eines der Striesener Bauergüter erworben hatte. Am 2.
April 1756 erhielt er die Ausschankrechte für das erste feste Wirtshaus im Ort. Parallel dazu gab es auch in Striesen bis
1876 den Reiheschank, bei dem jeder Bauer nach einem festen Rhythmus selbstgebrautes Bier verkaufen durfte. Die
kleine Dorfschänke Naumanns wurde zunächst als Petermanns Schankgut bezeichnet und war ab 1839 Versammlungsort des Striesener Gemeinderates.
1889 wurde die schlichte Schankwirtschaft an der Schandauer Straße 11 um einen Ballsaal erweitert und erhielt nun den Namen “Zum Sächsischen Prinzen”. Bis zum Ersten Weltkrieg blieb dieser Gasthof bedeutendes Tanz- und
Vergnügungslokal der Striesener Bevölkerung und war zugleich wichtiger Versammlungsort der Arbeiterbewegung. Nach
dem Ersten Weltkrieg gerieten die Besitzer in wirtschaftliche Schwierigkeiten und mussten den Ballsaal 1926 schließen. In
den Räumen entstand nun das Kino “Gloria-Palast-Lichtspiele”, wobei der bekannte Kino-Architekt Martin Pietzsch die
Pläne für den Umbau lieferte. 1945 fiel der Gebäudekomplex dem Luftangriff zum Opfer. An seiner Stelle steht heute ein Einkaufsmarkt. Programmkino Ost: Das frühere Arbeiterlokal “Volkshaus Ost”
(Foto) entstand als Versammlungsstätte der Striesener Sozialdemokraten an der Schandauer Straße 73. Bis zum Machtantritt der Nazis fanden hier regelmäßige Versammlungen und
Bildungsveranstaltungen statt. Später befand sich in den Räumen die Gaststätte “Altenberger Hof”. Am 3. September 1926 erhielt der damalige Besitzer des Hauses
Hermann Rüdiger die Erlaubnis, hier Filme aufzuführen. Den neuen “Ost-Lichtspielen” war jedoch nur eine kurze Blütezeit vergönnt, so dass das Kino schon zwei Jahre später wieder geschlossen wurde.
1936 wurde im früheren Saal erneut ein Kino eingerichtet und am 15. August mit dem Film “Kohlhiesels Töchter” eröffnet. Nach 1945 diente das nun “Filmbühne Ost” genannte Haus als “Versuchskino” zum Testen moderner
Kinotechnik wie dem Zwei- Kanal-Lichtton und dem Vier-Kanal-Magnetton-Verfahren, welches 1964 seine DDR-Premiere hatte. 1969 erhielt das Filmtheater eine vollautomatische Vorführmaschine. Heute befindet sich hier das
“Programmkino Ost”, welches vor allem Filme jenseits des Mainstreams zeigt. 2008 begann der Umbau des Filmtheaters, wofür das alte Hauptgebäude zugunsten eines modernen Neubaus abgerissen
wurde. Der nach Plänen des Dresdner Architektenbüros “Code Unique” entworfene Bau beherbergt vier zusätzliche
Kinosäle mit insgesamt 324 Plätzen und wurde im April 2009 eröffnet. Die neuen Säle tragen die Namen ehemaliger Dresdner Filmtheater und erinnern somit zugleich an ein Stück Kinogeschichte der Stadt. Firma Hüttig & Sohn Kamerawerk: Das Unternehmen wurde 1862 in Berlin von Franz Richard Hüttig als Werkstatt zum
Nachbau von englischen und französischen Kameras gegründet und siedelte 1887 nach Dresden um. Zunächst befanden
sich die Produktionsräume auf der Chemnitzer Straße in Plauen. Nach dem Einstieg von Hüttigs Sohn Carl Richard
verlegte die Firma ihren Sitz auf die Elisenstraße in die Johannstadt und firmierte nun als “Kunsttischlerei photographischer Apparate Richard Hüttig & Sohn”.
Der wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens ermöglichte 1896/97 den Umzug nach Striesen (Schandauer Straße 76).
Wenig später änderte sich die Rechtsform zur Aktiengesellschaft, welche unter dem Namen “Hüttig AG” zu den größten
deutschen Kameraherstellern gehörte. 1906 beschäftigte das Unternehmen über 800 Mitarbeiter. Die zunehmende Konkurrenz
bereitete jedoch auch der Hüttig AG Probleme, denen man 1909 durch eine Fusion begegnete. In diesem Jahr entstand die Internationale Camerafabriken Aktiengesellschaft (ICA A.G.), zu der neben Hüttig auch die Firma Wünsche mit Sitz in Dresden-Reick, die Firma Dr. Rudolf Krügener aus Frankfurt/Main und das 1901 von Carl Zeiss
Jena übernommene Palmos Kamerawerk gehörten. Mit dem Zusammenschluss wuchs die Mitarbeiterzahl auf über 1.000 an. Hergestellt wurden neben über 250 verschiedenen Kameramodellen auch Kinogeräte, Filmprojektoren und
Vergrößerungsapparate. Ab 1920 arbeitete man in Verkauf und Reklame mit dem ebenfalls in Dresden ansässigen Hersteller von Fotopapier und Chemikalien Mimosa A.G. zusammmen. Wirtschaftliche Gründe führten 1925 zur Bildung
einer Interessengemeinschaft mit der Optischen Anstalt C. P. Goertz in Berlin sowie der Contessa-Nettel A.-G. Stuttgart, welche am 1. Oktober 1926 zur Gründung der Zeiss Ikon AG führten.
Das Gebäude an der Schandauer Straße 76 diente auch nach der Fusion der ICA A. G. der Kameraproduktion. Nach 1945 nutzte es zeitweise eine Tabakfirma, bevor der Bau an die Dresdner Kamerawerke (ab 1964 Pentacon) zurück
gegeben wurde. Nach der Schließung des Unternehmens stand das Haus einige Jahre leer und wurde 1994 zugunsten eines nie realisierten Wohnparks abgerissen. |