In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Dresden zu einer Hochburg der deutschen Zigarettenindustrie. Vor allem jüdische Fabrikanten, unter ihnen viele aus Rußland geflüchtete
Pogromopfer, hatten die Technologie mit nach Sachsen gebracht und versuchten sich hier als Hersteller der in Mode gekommenen Tabakwaren. 1862 gründete der aus St. Petersburg stammende Baron Josef von Hupmann auf der
Ostraallee die erste deutsche Zigarettenfabrik “Compagnie Laferme”. Ehemalige Mitarbeiter Hupmanns besaßen später eigene Unternehmen, so dass die Zahl der bestehenden Firmen bis 1880 auf 21, bis 1900 sogar auf über 40
anwuchs. Um die Jahrhundertwende war Dresden zum Hauptumschlagplatz für Tabak und zum Zentrum der Zigarettenherstellung in Deutschland geworden. Fast 25 % der Bevölkerung verdienten ihren Lebensunterhalt in einer der
60 Tabakfabriken der Stadt bzw. waren im Handel oder der Zuliefererindustrie tätig. Obwohl das markanteste Zeugnis dieser Zeit mit der Yenidze in der Friedrichstadt steht, waren der Stadtteil Striesen und die benachbarte Johannstadt das eigentliche Zentrum der Branche. Neben den großen Firmen “Jasmatzi & Söhne” und “Lande” existierten auch zahlreiche klein- und mittelständische Unternehmen wie “Kosmos”, “Union”, “Patras” und “Macedonia”.
In Folge der Weltwirtschaftskrise gerieten auch viele Zigarettenhersteller in
Schwierigkeiten und mussten Konkurs anmelden. Andere schlossen sich zusammen oder wurden von den großen Konzernen aufgekauft. Bis zum Ende des Zweiten
Weltkrieges blieb Striesen wichtige Produktionsstätte für Tabakwaren. Beim Luftangriff 1945 wurden viele Unternehmen schwer beschädigt bzw. völlig zerstört. Auch brachen
die bisherigen Rohstoffmärkte in der Türkei, Griechenland und Bulgarien zusammen. Trotzdem konnte die Produktion schon bald wieder aufgenommen werden, was auch
im Interesse der Versorgung der sowjetischen Besatzer und ihrer Soldaten lag. Die enteigneten Unternehmen “Jasmatzi”, “Macedonia”, “Greiling” und “Kosmos” schlossen sich 1948 zur Vereinigung
Volkseigener Betriebe (VVB) Tabakindustrie zusammen und gehörten ab 1959 zum VEB Vereinigte Dresdner Zigarettenfabriken mit Sitz auf der Glashütter Straße (Foto)
. Neben der Herstellung von Fertigtabak und Filterzigaretten widmete sich das Werk auch der Erforschung neuer Produktions- und Anbaumethoden sowie der Züchtung neuer
Tabaksorten. Kleinere Zweigbetriebe schlossen in den 60er Jahren bzw. wurden als Betriebsteile zu Lagerräumen umgewandelt.
Am 1. Juli 1990 wurden die Dresdner Zigarettenfabriken von der Philip Morris GmbH übernommen und tragen seit
1998 den Namen f6 Cigarettenfabrik Dresden GmbH. Dieser geht auf die zu DDR-Zeiten beliebte und bis heute zu den umsatzstärksten Marken gehörende “F 6” zurück.
Bekannte Zigarettenfabriken vor 1945 |
|
Jasmatzi & Söhne |
Blasewitzer Str. 17 / Schandauer Str. 68 / Glashütter Str. 94 |
Lande |
Laubestraße / Junghansstraße 5 |
Yramos |
Laubestraße 24 |
Zepter (Hanns Krausche & Co. KG) |
Carlowitzstraße 25 |
Kosmos |
Fürstenstraße 70 (Fetscherstraße) |
Union |
Wittenberger Straße 114 |
Patras |
Wintergartenstraße 76 / Schandauer Straße 13 |
Macedonia |
Glashütter Straße 66 |
Arkadia |
Pfotenhauerstraße 36 |
Bendler |
Pfotenhauerstraße 48 |
Bartschari |
Pillnitzer Straße 65 |
Delphi |
Dürerstraße 5 |
Persia |
Gerokstraße 5 |
SüdWest |
Striesener Str. 43 |
Tuma |
Fürstenstraße 72 |
Monopol |
Blasewitzer Straße 68 |
Kunze |
Blasewitzer Straße 10 |
Böhme |
Trinitatisstraße 28 |
Firma Jasmatzi: Die Firma wurde 1880 von Georg A. Jasmatzi als kleines Handwerksunternehmen gegründet. Der aus Griechenland stammende Unternehmer war seit 1868 als Werksmeister in der Firma “Compagnie
Laferme” von Joseph von Huppmann beschäftigt, machte sich dann jedoch selbstständig. Zunächst verkaufte er in einem kleinen Laden auf der Waisenhausstraße selbst hergestellte Zigarren, die reißenden
Absatz fanden.1889 ermöglichte ihm sein geschäftlicher Erfolg den Erwerb eines Grundstückes an der Blasewitzer Straße 17. 1900 folgte ein weiteres Produktionsgebäude an der Schandauer Straße 68.
Gemeinsam mit einem zehn Jahre später eingeweihten Ergänzungsbau an der Glashütter Straße war die Firma “Jasmatzi
& Söhne” bedeutendstes Striesener Tabakunternehmen. Hergestellt wurden Zigaretten der Marken “Cheops”, “Sphinx”
und “Ramses”, die in alle Welt exportiert wurden. Jasmatzi galt als Vorzeigeunternehmer und war zugleich griechischer
Konsul in Sachsen. Nachdem das Familienunternehmen 1901 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war,
verließ Georg Jasmatzi bereits ein Jahr später die Firma und gründete 1907 wieder einen eigenen Betrieb zur Herstellung
von Zigarettenmaschinen (“Georg Jasmatzi & Söhne”). Ab 1911 stellte er auch selbst wieder Tabakwaren her. 1924 wurde die Firma in den Reemtsma-Konzern eingegliedert.
Das nach 1945 verstaatlichte Unternehmen gehörte ab 1959 als Werk I zum VEB Vereinigte Dresdner Zigarettenfabriken. Im früheren Hauptgebäude der Firma Jasmatzi entstand der Sitz dieses Unternehmens. Heute werden
die Gebäude von der f6 Cigarettenfabrik Dresden GmbH, einer Tochterfirma des Philip Morris Konzerns, genutzt. Firma Lande:
Das Unternehmen wurde vom jüdischen Zigarettenproduzenten Wilhelm Lande in Halberstadt gegründet und war ab
1900 auf der Laubestraße in Striesen ansässig. 1932 entstand ein moderner Neubau an der Junghansstraße, in dem zur
Blütezeit über 600 Arbeiter beschäftigt waren. Mit Machtantritt der Nazis geriet Lande unter Druck und wurde wegen
seiner Herkunft boykottiert. Um weiteren Repressionen zu entgehen, verkaufte Wilhelm Lande seine Firma und emigrierte in die USA. Auch unter Regie des neuen Besitzers wurde der werbewirksame Firmenname beibehalten. Nach
dem Zweiten Weltkrieg kam das Unternehmen in Staatsbesitz und gehörte ab 1959 zum VEB Vereinigte Zigarettenfabriken Dresden. Firma Yramos: Die Zigarettenfabrik
der Familie Lewin wurde 1890 gegründet und zog 1919 nach Dresden um. Zunächst befanden sich die Produktionsräume auf einem Grundstück an der Freiberger Straße. Nachdem Wilhelm Lande seine
Produktionsstätte in der Laubestraße 24 aufgegeben und zur Junghansstraße umgezogen war, übernahmen die jüdischen Fabrikanten Julius und Hermann Lewin die Gebäude und zogen hier 1932 mit ihrer Orientalischen Tabak- und
Zigarettenfabrik “Yramos” ein. Als eines der wenigen Unternehmen der Branche war diese Firma unabhängig von einem
großen Konzern und beschäftigte ca. 200 Angestellte. Auch dieses Unternehmen wurde nach 1933 in seiner Arbeit
behindert. Die Besitzer gaben jedoch nicht auf und stellten auch weiterhin jüdische Arbeitskräfte ein, was zu zusätzlichen
Repressionen durch die Machthaber führte. 1937 mussten die Lewins nach einer Polizeiaktion ihr Werk verkaufen, wobei der Kaufpreis vom Staat beschlagnahmt wurde. Während Sohn Hermann Lewin in die USA emigrieren konnte,
wurden Vater Julius und dessen Frau nach Theresienstadt deportiert. Die Striesener Fabrik wurde nun von der Zigarettenfirma Greiling übernommen, welche die Produktion bis zum Ende des
Zweiten Weltkriegs fortsetzte. Nach 1945 kam auch dieses Unternehmen als Zweigbetrieb zum VEB Vereinigte Dresdner Zigarettenfabriken. 1990 wurde der Standort aufgegeben. |