Das slawische Platzdorf Gittersee wurde 1349 erstmals als Geterssin (= Besitz eines Jutros)
urkundlich erwähnt und war damals Eigentum der Brüder Nickel und Ulrich von Maltitz. Später gehörte es zu den Besitzungen der Kreuzkirche und unterstand dem Dresdner
Brückenamt. Diese frühe Zuordnung zu einem kommunalen Grundherren ermöglichte es den hier ansässigen Bauern, ihre Frondienste bereits ab 1494 durch Geldzahlungen abzulösen, um
somit den Wiederaufbau der 1491 abgebrannten Stadt Dresden zu ermöglichen. Neben der Landwirtschaft war ab dem 16. Jahrhundert der Obstbau von Bedeutung, der durch den
Döhlener Pfarrer Martin Künzelmann eingeführt wurde. Einen Rückschlag erlitt dieser im Jahr 1759, als österreichische Soldaten 2500 Obstbäume für den Bau einer Schanze am Windberg abschlugen.
Nachdem um 1800 bei Gittersee Steinkohlevorkommen entdeckt worden waren, wandelte sich der
Ort vom Bauerndorf zur Bergarbeitergemeinde. 1809 begann der Aufschluss des ersten Schachtes in Niedergittersee. 1837 gründete sich der Gitterseer Steinkohlen-Bauverein, der drei größere
Schachtanlagen betrieb: den Meiselschacht, den Moritzschacht und den Emmaschacht. Zum Transport der Kohle des Burgker und Gitterseer Reviers entstand 1857 eine später Windbergbahn genannte Kohlenbahn, deren Station Obergittersee als Museumsbahnhof erhalten wird. Zur
Verbesserung der Verkehrsverbindungen trug auch der Ausbau der heutigen Karlsruher Straße
zwischen 1841 und 1844 bei. Nach Erschöpfung der meisten Steinkohlevorkommen wurde der Abbau 1861 eingestellt. Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde dieser vom VEB
Steinkohlenwerk “Willy Agatz” wieder aufgenommen. Dafür wurden 1950 weitere Schächte abgeteuft.
Gittersee blieb jedoch auch in der Folgezeit Arbeiterwohnort, in dem sich einige Gewerbebetriebe ansiedelten. 1897 wurde Gittersee selbstständige Parochie mit einer eigenen Kirche. Um 1910 entstanden eine Nagelfabrik und ein Wellpappenwerk. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg erwarb der bereits 1882
gegründete Arbeiterturnverein “Einigkeit” ein Grundstück an der Friedhofsstraße, welches heute als Trainingsgelände der SG Gittersee genutzt wird. Anfang der
Dreißiger Jahre wurde eine Wohnsiedlung am Birkigter Hang an der Grenze zu Freital angelegt. Im Gegensatz zu Birkigt und Burgk schloss sich Gittersee jedoch
nicht dieser 1921 neu gebildeten Stadt an, sondern bewahrte zunächst seine Selbstständigkeit.
Am 24. August 1944 wurden Teile des Ortes bei einem Luftangriff zerstört, wobei 24 Menschen ums Leben kamen. Erst
nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte am 1. Juli 1945 die Eingemeindung nach Dresden. Der Gasthof des Ortes war in
der Nachkriegszeit Spielstätte der “Volksoper”, einer Vorläuferin der Landesbühnen Sachsen. Später dominierte vor
allem der Uranbergbau in den wieder geöffneten Schächten, der noch bis 1989 durch die SDAG Wismut betrieben wurde. Am 1. 12. 1989 verließ der letzte geförderte Hunt das Gittersee-Bannewitzer Abbaufeld, womit die
Bergbaugeschichte des Ortes endete. Das Foto zeigt den Förderturm des auf Bannewitzer Flur gelegenen Marienschachtes, in dem sich eine kleine Ausstellung zur Geschichte des Bergbaus in der Region befindet. 1988 kamen Pläne auf, auf dem Gelände des Willi-Agatz-Schachtes ein Reinstsiliziumwerk zu
errichten. Wegen der hohen Explosionsgefahr und der damit verbundenen Umweltgefährdung wurde dieses Vorhaben von der Bevölkerung abgelehnt. In diesem Zusammenhang entstand unter
dem Dach der Kirche eine Protestbewegung engagierter Einwohner. Eine Demonstration gegen das Projekt am 6. August 1989 wurde von der Staatssicherheit gewaltsam aufgelöst. Erst die
politischen Veränderungen wenige Wochen später führten schließlich zur Aufhebung des Beschlusses im Dezember 1989.
Nach 1990 wurden die verbliebenen Bergbauanlagen in Gittersee stillgelegt und gesichert. Nach dem Abriss der meisten Gebäude auf dem Gelände des Wismut-Schachtes blieben lediglich die beiden Fördertürme als
technische Denkmale erhalten (Foto). Nach ihrer Demontage im Sommer 2003 wurden diese konserviert und nach
Freital umgesetzt. Hier erinnern sie in den Stadtteilen Burgk und Zauckerode an die Bergbautradition der Region. Ein neues Gewerbegebiet wurde Mitte der 90er Jahre zwischen Gittersee und Coschütz angelegt. Schulen in Gittersee: Ursprünglich besuchten die Kinder des Ortes die Coschützer Schule, bevor sich die Gemeinde 1897 ein eigenes
Schulgebäude an der Wettinstraße (heute Schulstraße / Oskar-Seyffert-Straße) errichtete. 1911 folgte eine Turnhalle
Heute befindet sich hier die 80. Grundschule “An der Windbergbahn”. Nach umfangreicher Sanierung konnte diese im Frühjahr 2011 wieder eröffnet werden. Rathaus: Das Gitterseer Rathaus entstand Ende des 19. Jahrhunderts auf einem Eckgrundstück an der Karlsruher Straße. Zuvor
hatte sich der Gemeinderat in den Räumen des Ortsvorstehers getroffen. Der schlichte Bau diente bis zur Eingemeindung
1945 seinem Zweck. Später befand sich hier eine Filiale der Stadtsparkasse. Heute dient das Gebäude Wohnzwecken. Foto: das ehemalige Rathaus von Gittersee
Weiterführende Literatur und Quellen
Gitterseer Nachrichten 28. April 2011:
Ab Montag beziehen die Schüler die in den vergangenen zwei Jahren sanierte 80. Grundschule „An der Windbergbahn“. Nach den Bauarbeiten gibt es auch eine neue Turnhalle sowie neu gestaltete Außenanlagen und einen neuen Pausenhof.
10. März 2011:
Noch in diesem Jahr will der Verein Windbergbahn e.V. eine Betreibergesellschaft gründen, welche zunächst Strecke und Fuhrpark für die geplante Museumsbahn nutzbar macht. Die neuzugründende GmbH wird künftig den Fahrbetrieb organisieren. In ca. fünf Jahren, so die Pläne des Vereins, könnten die ersten Züge nach Obergittersee rollen. Zuvor muss die Deutsche Bahn die 2002 entfernte Weiche zur Hauptstrecke Dresden - Plauen wieder einbauen.
22. Oktober 2010:
Der Verein Windbergbahn e.V. erhält die Konzession zum Eisenbahnbetrieb und ist damit offiziell Betreiber der Bahnstrecke nach Obergittersee. Zunächst soll die Strecke wieder in
einen nutzbaren Zustand versetzt werden, bevor hier künftig zu bestimmten Terminen Museumszüge fahren werden. |
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