|
Der Alte Annenfriedhof entstand Mitte des 19. Jahrhunderts als Ersatz für den zu klein
gewordenen Annenfriedhof in der dichtbebauten Wilsdruffer Vorstadt. Die Wahl des neuen Standortes war heftig umstritten, da das Areal an der Chemnitzer Straße
ursprünglich als Bauland vorgesehen war und man außerdem negative Auswirkungen auf den Betrieb der nahegelegenen Gaststätte “Feldschlößchen” befürchtete. Nachdem
Forderungen, den bisherigen Friedhof am Sternplatz zu erweitern, ebenso abgelehnt wurden wie die Idee, auf einen neuen Begräbnisplatz ganz zu verzichten und die Toten
stattdessen auf dem Trinitatisfriedhof beizusetzen, beschloss die Annenkirchgemeinde den Erwerb eines Grundstücks an der Chemnitzer Straße. Mit Zustimmung der Königlichen Kreisdirektion begannen 1847 die
Vorarbeiten, so dass bereits am 2. Juni 1848 die erste Beisetzung erfolgen konnte.
Die gesamte Anlage wurde nach Plänen des Ratsbaumeisters Christian Gottlieb Spieß mit vier Begräbnisfeldern gestaltet, welche mit Hecken und Bäumen umrahmt sind. Bereits ein Jahr später
wurde auf dem Friedhof eine Gedenkstätte für 53 Opfer des Dresdner Maiaufstandes geschaffen (Foto). Den gefallenen Revolutionären folgten schon bald Persönlichkeiten des Dresdner Kunst-
und Kulturlebens, aber auch prominente Politiker sowie Professoren der Technischen Hochschule. Zu den hier beigesetzten Personen gehört u.a. Robert Henze, der zahlreiche Grabdenkmale entwarf
und für sein eigenes Grab die Figur der entschwebenden Psyche schuf. Auch die erste Frau Richard Wagners, die Historienmaler Julius Schnorr von Carolsfeld und Hermann Freihold
Plüddemann, der Dresdner Oberbürgermeister Alfred Stübel und die Förderin der Fröbel-Pädagogik Bertha von Marenholtz-Bülow fanden hier ihre letzte Ruhestätte.
Bereits 1863 musste der Alte Annenfriedhof erstmals erweitert werden. In diesem Zusammenhang entstanden auch eine Parentationshalle, ein Leichenhaus und das Wohnhaus des Totengräbers. Entworfen wurden
die Gebäude von Stadtbaudirektor Johann Friedrich Eichberg. Weitere geplante Erweiterungen scheiterten am Einspruch der Anwohner und
an der beengten Lage des Friedhofs zwischen Eisenbahnstrecke und Chemnitzer Straße. Nachdem sich auch die damals
noch selbständige Gemeinde Plauen weigerte, Land für weitere Gräberfelder zur Verfügung zu stellen, entschloss sich die Annengemeinde zum Bau eines neuen Friedhofs in Löbtau, welcher 1875 als Neuer Annenfriedhof eingeweiht werden konnte. Die Bombenangriffe vom 13./14. Februar und vom 17. April 1945 richteten auf dem Alten
Annenfriedhof erhebliche Schäden an. Einige historische Grabstätten gingen dabei verloren. Auch die Friedhofskapelle und das Leichenhaus wurden zerstört bzw. schwer beschädigt. Dank des
Engagements von Friedhofsinspektor Geiser gelang es, einige beschädigte Gräber zu reparieren und den Friedhof wieder nutzbar zu machen. 1983 legte die Technische Universität an der Gruft des
Literaturwissenschaftlers Hermann Hettner eine Gedenkstätte für neun Professoren an, deren Gräber nicht mehr zu rekonstruieren waren (Foto). Weitere historische Grabstellen konnten in den letzten
Jahren restauriert werden. Ein 2006 neu gestaltetes Gräberfeld beherbergt die sterblichen Überreste von 149 bekannten und 592 unbekannten Opfern des Luftangriffs 1945. Auf dem schlichten Obelisk
sind Worte aus den Klageliedern des Jeremias zu lesen, die Kreuzkantor Richard Mauersberger für sein Requiem zur Zerstörung Dresdens: “Wie liegt die Stadt so wüst...” verwendete.
Annendenkmal:
Das Standbild wurde 1869 von Robert Henze als Brunnenfigur für den Vorplatz der Annenkirche geschaffen. Es stellt die Kurfürstin Anna dar und überstand den Luftangriff ohne größere Schäden In der Nachkriegszeit
verbrachte man die Figur zum Alten Annenfriedhof und stellte sie als Denkmal vor der Feierhalle auf. In der Nähe des
Denkmals sind einige historische Grabdenkmale zu sehen, die noch vom altem Friedhof der Annenkirche aus der Wilsdruffer Vorstadt stammen und nach dessen Auflösung nach hier verbracht wurden.
Außerhalb der Friedhofsmauer befindet sich an der Südecke des Alten Annenfriedhofs an der Chemnitzer Straße ein
historischer Weichbildstein. Der Stein mit der Nr. 73 zeigt neben dem Stadtwappen die Jahreszahlen 1679 und 1729 und
befand sich ab 1911 im Hof des Dresdner Rathauses. 1993 wurde er in der Nähe seines ursprünglichen Standortes wieder aufgestellt. Bedeutende Grabstellen (Auswahl):
Grabstätte |
Todesjahr |
Standort* |
J. E. R. Käuffer, Hofprediger |
1865 |
|
Minna Wagner, geb. Planer, erste Frau Richard Wagners |
1866 |
L. 6.4 |
Friedrich Wilhelm Enzmann, Mechanicus, Begründer der Dresdner Fotoindustrie |
1866 |
|
Hermann Freihold Plüddemann, Historienmaler |
1868 |
W 219 |
Johann Carl Ulrich Baehr, Maler, Urenkel George Bährs |
1869 |
W 44 |
Julius Schnorr von Carolsfeld, Maler und Galeriedirektor (Familiengrabstätte) |
1872 |
L. 3. 1-3 |
Emil Devrient, Hofschauspieler |
1872 |
1945 zerstört |
Bogumil Dawisons, Hofschauspieler und Widersacher Emil Devrients |
1872 |
W 175 |
Hermann Hettner, Kunst- und Literaturwissenschaftler Die Grabstelle wurde 1983 als gemeinsame Gedenkstätte für mehrere TU-Professoren umgestaltet, deren Gräber vernichtet und nicht mehr
rekonstruiert werden konnten: August Seebeck, Physiker (1849) - Julius Ambrosius Hülße, Mathematiker (1876) - Wilhelm Fränkel, Statiker (1895) - Oskar Schlömilch, Mathematiker (1903) - Carl Weißbach,
Architekt (1905) - Gustav Anton Zeuner, Professor für Maschinenbau (1907) - Georg Helm, Mathematiker (1923) - Martin Dülfer, Architekt (1942) |
1882 (1983) |
W 153 |
Georg von Bothmann, kaiserlich-russischer Hofmaler |
1891 |
M.18.15-16 |
August Paschky, Fischhändler und SPD-Funktionär |
1891 |
|
Johann Friedrich Jencke, Begründer der Dresdner Taubstummenanstalt |
1893 |
M.10.1-2 |
Bertha von Marenholtz-Bülow, Reformpädagogin (Grab 1945 zerstört, restauriert) |
1893 |
|
Alfred Stübel, Oberbürgermeister |
1895 |
F. 1.20-21 |
Familiengrabstelle Pusinelli, Engelsfigur von Gustav Adolf Kietz |
|
|
Hans Bruno Geinitz, Geologe |
1901 |
|
Clemens Müller, Nähmaschinenfabrikant (“Veritas”), 2004 saniert |
1902 |
W |
Christian August Nagel, Geodät |
1903 |
|
Gustav Woldemar von Biedermann, Goetheforscher |
1903 |
1945 zerstört |
Friedrich August Leßke, Heimatforscher |
1904 |
1981 beseitigt |
Moritz Adolph Stübel, Geologe und Naturforscher (die Urne befand sich bis 1976 im Länderkundlichen Museum in Leipzig) |
1904 |
Grab seit 1976 |
Robert Henze, Bildhauer, Bronzeplastik “Entschwebende Psyche” von ihm selbst |
1906 |
|
Pauline Ulrich, Hofschauspielerin |
1916 |
W 82 |
Franz Dibelius, Oberhofprediger |
1924 |
M. 20.28-29 |
Martin Dülfer, Architekt, Rektor der Technischen Hochschule |
1942 |
|
Gedenkstätte für die Opfer des Luftangriffs vom 13. Februar 1945 (2006 erneuert) |
1945 (2006) |
|
Hans Prescher, Direktor des Mineralogischen Museums |
1996 |
|
* Die Grabstellen wurden - soweit mir bekannt - mit Buchstaben und Zahlen bezeichnet. Dabei stehen die Buchstaben für das jeweilige G
räberfeld, die Zahlen für Reihe und Platz. Die mit W bezeichneten Gräber sind Wandgräber an der Friedhofsmauer. Eine Übersicht über die genaue Lage bietet ein Orientierungsplan am Eingang des Friedhofes. |
|