Der heutige Friedrich-List-Platz wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
angelegt und nach dem deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck (1815-1898) Bismarckplatz benannt. Ab 1870 entstanden hier Hotels und Pensionen (Foto), an der
Südseite zwischen Reichs- und Sedanstraße 1875 das neue Hauptgebäude der Technischen Hochschule. Die gesamte Nordseite nimmt der in heutiger Form 1901
vollendete Hauptbahnhof mit seinen Gleisanlagen ein. Zur Auflockerung des Platzes wurde dieser gärtnerisch gestaltet. Seit 1911 schmückt ein von Georg Wrba geschaffener Brunnen die Anlage.
Sämtliche Gebäude um den Bismarckplatz fielen 1945 den Bomben zum Opfer. Nach Abbruch der Ruinen wurde 1954 mit dem Bau der Hochschule für Verkehrswesen begonnen. Bereits 1946 war der Platz nach dem bedeutenden
deutschen Volkswirtschaftler und Politiker Friedrich List (1789-1846) benannt worden. Friedrich List setzte sich für eine
Liberalisierung der Wirtschaft ein und gilt als einer der Mitinitiatoren des deutschen Zollvereins. Außerdem erarbeitete er
ein Konzept für den Eisenbahnbau in Deutschland. Ihm zu Ehren erhielt die neue Hochschule seinen Namen. Außerdem
erinnert ein Denkmal an den Eisenbahnpionier. Heute hat der Friedrich-List-Platz vor allem als Verkehrsknotenpunkt
Bedeutung. Hier befinden sich auch die Abfahrtsstellen für die Regional- und Fernreisebusse in die Dresdner Umgebung und zu weiter entfernten Zielen. Einzelne Gebäude: Polytechnikum:
Der mächtige Vierflügelbau des Polytechnikums entstand 1872/75 im Neorenaissancestil und nahm die gesamte Südseite des Platzes zwischen Reichs- und
Sedanstraße ein. Das von Rudolf Heyn entworfene Gebäude war Sitz der 1828 als Technische Bildungsanstalt gegründeten Technischen Hochschule. Neben Studien- und
Seminarräumen gab es hier mehrere Hörsäle sowie eine zwanzig Meter lange zweigeschossige Aula, die mit Szenen aus der Prometheussage und viel plastischem Stuck
ausgestaltet war. Allegorische Figuren an der Hauptfassade zum Bismarckplatz symbolisierten die seinerzeit unterrichteten Fachrichtungen Mathematik, mechanische
Technik, Architektur, Ingenieurwesen, Chemie und Literatur. Für Studienzwecke beherbergte das Polytechnikum umfangreiche Sammlungen von technischen Geräten und Modellen sowie eine 30.000 Bände umfassende Bibliothek.
Zunächst als Neues Polytechnikum bezeichnet, setzte sich ab 1890 die Bezeichnung “Alte Hochschule” durch. Mit
zunehmenden Studentenzahlen machten sich umfangreiche Ergänzungsbauten erforderlich, welche ab 1905 im Süden der
Südvorstadt und auf Räcknitzer und Plauener Flur entstanden. Während diese Gebäude den Zweiten Weltkrieg meist
überstanden, wurde das Polytechnikum am Bismarckplatz völlig zerstört. Nach Abbruch der Ruinen legte man zunächst eine Grünfläche an, bevor in den 80er Jahren mehrgeschossige Wohnhäuser errichtet wurden.
Grand Union Hotel: Das exklusive Hotel entstand 1873 an der Ecke Reichsstraße / Bismarckstraße und wurde vom
Vorstand der Dresdner Lohndiener Schladitz bewirtschaftet. Das Haus besaß 80 Zimmer und gehörte bis zum Ersten Weltkrieg zu den vornehmsten Übernachtungsstätten der Südvorstadt (Foto oben links)
. In der Nachkriegszeit gerieten die Betreiber in wirtschaftliche Schwierigkeiten und mussten das Hotel 1923 schließen. Daraufhin übernahm die
Aktiengesellschaft Sächsische Werke, ein Zusammenschluss sächsischer Energieversorger, das Gebäude und richtete hier ihre Verwaltungsräume ein. 1945 fiel das ehemalige Grand Hotel den Bomben zum Opfer. Das nur teilzerstörte
Hintergebäude konnte jedoch bereits 1947 wiederhergestellt und vom verstaatlichten Nachfolgebetrieb genutzt werden. Ab 1980 befand sich hier der Sitz des
Energiekombinates Ost. Im Zusammenhang mit Strukturveränderungen in der Energiewirtschaft nach 1990 ging aus diesem Kombinat die Energieversorgung Sachsen
Ost AG (ESAG) hervor, die die mehrfach um provisorische Anbauten ergänzten Gebäude abbrechen und durch einen modernen Neubau ersetzen ließ. 1996 konnte das Haus als “CC City Center” eingeweiht werden (Foto)
. Heute haben hier u.a. die Hauptverwaltung des ESAG-Nachfolgers ENSO und die WOBA Dresden ihren Sitz. Im Erdgeschoss befindet sich eine
Ladenpassage mit verschiedenen Geschäften und Restaurants. Der Entwurf stammt vom Stuttgarter Architekturbüro Wischer & Partner in Kooperation mit Prof. Rassaerts und Heinle.
Hotel “Bristol”:
Das Gebäude wurde um 1900 am Bismarckplatz Nr. 5-9 eröffnet und gehörte zu den luxuriösesten Herbergen in der Südvorstadt. Neben modernen, mit Zentralheizung, elektrischem Licht und fließendem warmen und
kalten Wasser ausgestatten Zimmern besaß das Haus auch einen Sitzungs- und Festsaal. In den Zwanziger Jahren war an
dieser Stelle ein mehrgeschossiges Großhotel geplant, welches Stadtbaurat Hans Poelzig entworfen hatte. Bedingt durch
die wirtschaftliche Sizuation und die Inflation konnten diese Planungen jedoch nicht umgesetzt werden. 1945 fiel das Hotel “Bristol” den Bomben zum Opfer. Marie-Heinze-Gey-Brunnen:
Der Brunnen entstand 1910 im Auftrag des Arztes Dr. Paul Heinze in Erinnerung an seine kurz zuvor durch Selbstmord verstorbene Frau Marie. Marie Heinze-Gey
war um 1900 eine der ersten weiblichen Kunststudenten der Akademie und Schülerin des Malers Otto Fischer. Für die Gestaltung des Brunnens wählte Georg Wrba die Figur der Aphrodite, die
auf einer Muschelschale balanciert und von vier Putten begleitet wird. Für die Brunnenplastik stand die Frau des Dresdner Malers Otto Westphal Modell. Am Becken befinden sich Hunde-
und Vogeltränken. An der Rückseite der 1911 eingeweihten Brunnenanlage erinnert ein Porträtmedaillon an Marie Heinze-Gey. Alle Bronzefiguren entstanden in der Dresdner
Kunstgießerei Milde & Co. Der Brunnen überstand die Zerstörung seiner Umgebung 1945, wurde jedoch in der Nachkriegszeit beschädigt. Nach Reparatur steht er seit 1952 wieder an seinem Platz.
Hochschule für Verkehrswesen: Nach dem Abbruch der zerstörten Vorgängerbauten, darunter des Hotels “Bristol”, begann am 8. April 1954 der Bau eines neuen Hochschulkomplexes für die aus der Technischen Hochschule
ausgegliederte Fachrichtung Verkehrstechnik. Nach Plänen des Architekten Prof. Richard Paulik entstand ein
neungeschossiges Gebäude mit einem Seiten- und zwei Quergebäuden. Die Architektur orientierte sich ganz im Stil der
damaligen Zeit an sowjetischen Vorbildern, was später als “Zuckerbäckerstil” kritisiert wurde. Die Sockel sind mit Sandstein verblendet, die Fassade selbst mit Meißner Keramik gestaltet. Nutzer des 1960 fertiggestellten Komplexes war die 1952 gegründete Hochschule für
Verkehrswesen, in der das wissenschaftliche und leitende Personal für die Deutsche Reichsbahn und andere Betriebe des Transport- und Nachrichtenwesens ausgebildet
wurde. Unter ihrem ersten Rektor Hans Reingruber entwickelte sich die in Europa einzigartige Bildungseinrichtung zu einer anerkannten Ausbildungsort für Techniker und
Verkehrsökonomen. 1962 erhielt sie den Namen “Friedrich List” verliehen. Neben dem zwei Jahre zuvor fertiggestellten Hauptgebäude bestanden weitere Bauten an der
Hettnerstraße und der Hochschulstraße. Auch das Verkehrsmuseum war zeitweise der Verkehrshochschule unterstellt.
Nach deren Anschluss an die TU bezog 1992 die neugegründete Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) das Gebäude.
Friedrich-List-Denkmal: Das aus mehreren Sandsteinblöcken zusammengesetzte Denkmal in den Parkanlagen vor der Hochschule erinnert an den Namenspatron des
Platzes. Reliefzeichnungen zeigen eine Lokomotive, einen Raddampfer, Flugzeug und Rakete und verdeutlichen so die Bedeutung des modernen Verkehrswesens.
Eine Inschrift weist auf Lists Verdienste für dessen Entwicklung hin: “Sein Wirken für ein modernes Verkehrswesen in Deutschland, die produktiven
Kräfte und die Reichtümer der Nation werden durch ein vollkommenes Transportsystem in außerordentlicher und mannigfaltiger Weise vermehrt werden.” |