Das Areal der späteren Südvorstadt war bis zur Mitte des 19. Jahrhundert kaum
besiedelt und wurde vor allem landwirtschaftlich genutzt. Im Mittelalter gab es hier die beiden Dörfer Auswik und Boskau, welche jedoch nach 1400 zu Wüstungen
wurden. Von Bedeutung war der am Fuße des Anstiegs der südlichen Elbtalhänge verlaufende Zellesche Weg, der das Kloster Altzella mit dem Leubnitzer Klosterhof
verband. Heute erinnern noch die Straßennamen Zellescher Weg und Altenzeller Straße an diese Zusammenhänge. Zu den wenigen vorhandenen Gebäuden gehörte neben einigen Mühlen am Weißeritzmühlgraben ein einzelnes Gehöft in der Nähe des Hahneberges, welches sich im 18. Jahrhundert zur Ausflugsgaststätte “Feldschlößchen” entwickelte (Lithographie um 1890).
Während der Napoleonischen Kriege war die heutige Südvorstadt Schauplatz von Kampfhandlungen. Schanzen und Befestigungen entstanden u.a. am Hahneberg, wo Napoleon einen heftig umkämpften Beobachtungsposten einrichtete.
Das dabei schwer beschädigte Vorwerk Feldschlößchen konnte 1819 wieder aufgebaut werden und war 1846 Keimzelle der Feldschlößchenbrauerei. Bereits zuvor waren weitere Einzelbauten entstanden, u.a. die 1836 eröffnete
Blindenanstalt an der Chemnitzer Straße, der ein Jahr später eine Gehörlosenschule folgte. Hier befindet sich an der
Flurgrenze zu Plauen seit 1848 auch der Alte Annenfriedhof Unweit der Chemnitzer Straße lag einst die Gaststätte “Schweizerhäuschen”, die
Namensgeber für das ab 1851 entstehende “Schweizer Viertel” war. Hier dominierten bis 1945 großbürgerliche Villenbauten, von denen einige noch bis zur Gegenwart
erhalten geblieben sind. Bewohner waren meist wohlhabende Fabrikanten, Rentiers und Professoren. Aber auch Pensionen, Mädchenpensionate, Rechtsanwälte und
Privatkliniken siedelten sich hier an. Architektonisch bemerkenswerte Gebäude sind u.a. an der Bergstraße, der Hohen Straße und der Leubnitzer Straße zu finden und
wurden in den letzten Jahren liebevoll saniert.
Foto: Blick in die Eisenstuckstraße, im Hintergrund die Wohnzeile Budapester Straße
Einschneidende Veränderungen für die Südvorstadt ergaben sich durch die 1848 eröffnete Eisenbahnstrecke nach
Böhmen, welche das Territorium der Südvorstadt von der Innenstadt abtrennte. Hier befand sich auch der damals noch im Grünen gelegene erste Böhmische Bahnhof, welcher 1864 erweitert und 1898 durch den Hauptbahnhof
ersetzt wurde. Als Zufahrt diente die 1851 angelegte Prager Straße. Ihre Verlängerung nach Süden wurde 1868/71 ausgebaut und erhielt den Namen Reichsstraße (heute Fritz-Löffler-Straße). Diese Straße entwickelte sich nicht nur zur
Hauptgeschäftsstraße des neuen Stadtviertels, sondern bildete zugleich die Grenze zwischen dem westlich gelegenen
großbürgerlichen “Schweizer Viertel” und dem dichtbebauten “amerikanischen Viertel” im östlichen Teil der Vorstadt. Letztgenanntes war nach Verabschiedung eines neuen Bauregulativs 1867 planmäßig mit rechtwinkligen Straßenzügen angelegt und innerhalb weniger Jahre mit mehrstöckigen
Mietshäusern bebaut worden (Foto: Strehlener Straße). In diesem Gebiet zwischen Bahnlinie, Franklin-, Reichenbach- und Winckelmannstraße siedelten sich vorrangig
Arbeiterfamilien, Bahnbeamte, Künstler und kleine Handwerker an, die in den Hinterhöfen ihre Werkstätten einrichteten. Hinzu kamen zahlreiche Hotels und Pensionen rund um den
Hauptbahnhof. Da in diesem Stadtteil auch zahlreiche Ausländer lebten, entstanden ab 1875 mehrere Ausländerkirchen. Als einziges dieser Gotteshäuser blieb die Russisch-Orthodoxe Kirche bis heute erhalten, während die Amerikanische Kirche an der Bergstraße und die Englische Kirche an der Wiener Straße 1945
zerstört wurden. Die Schottische Kirche an der Bernhardstraße war bereits in den 20er Jahren wieder geschlossen worden.
Zu den wichtigen öffentlichen Gebäuden gehörte auch das 1875 entstandene neue Hauptgebäude der Technischen Hochschule am heutigen Friedrich-List-Platz. 1890 erhielt dieser neue Stadtteil gemeinsam mit dem “Schweizer Viertel”,
dem Areal um den Nürnberger Platz und den angrenzenden Gebieten offiziell den Namen Südvorstadt. Im gleichen Jahr
nahm die Deutsche Straßenbahngesellschaft den elektrischen Betrieb bis zur Gastwirtschaft “Bergkeller” auf. Wenig
später folgten weitere Strecken durch die Strehlener Straße, zum Münchner Platz und über die Bergstraße nach Räcknitz. Auch die Dresdner Baugesellschaft hatte bereits 1871 große Flächen bis zur Flurgrenze nach Plauen erworben, um diese zu erschließen und gewinnbringend weiterzuveräußern. Zunächst
blieb das Areal jedoch unbebaut und wurde gärtnerisch genutzt. Erst 1899 verabschiedete der Dresdner Stadtrat einen Bebauungsplan, welcher auch in diesem Teil der Südvorstadt meist
geschlossene Bebauung vorsah. Trotz Einwendungen der Bewohner des Schweizer Viertels und des Bezirksvereins Süd entstanden nun innerhalb weniger Jahre repräsentative Mietshäuser mit zahlreichen Geschäften (Foto:
Münchner Straße). Wegen der ovalen Platzanlage im Zentrum der neuangelegten Nürnberger Straße bürgerte sich für dieses Gebiet der Name “Nürnberger Ei”
ein. Zeitweise sprach man auch vom “Bayrischen Viertel”, da die neuen Straßen meist nach Städten in Bayern benannt wurde
Nach der Jahrhundertwende entstanden in der Südvorstadt weitere öffentliche Gebäude. So errichtete Oskar Kramer zwischen 1902 und 1907 den Gebäudekomplex des Landgerichts am Münchner Platz. Unweit davon begann wenig
später die Erschließung des ausgedehnten Geländes für die Neubauten der Technische Hochschule. Auch zwei neue
Kirchen wurden errichtet: 1903 konnte die Lukaskirche, 1912 die Zionskirche eingeweiht werden. Ein Jahr später ließ
die Stadt das noch unbebaute Gelände des Bornbergs zu einer öffentlichen Grünanlage umgestalten (heute Beutlerpark).
In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ließen private Bauherren weitere Wohnhäuser südlich der Reichenbachstraße
und um den Beutlerpark erbauen. Meist entstanden hier schlichte Ein- und Zweifamilienhäuser, umgeben von kleinen
Gärten. Eine weitere Wohnsiedlung wurde südlich des Münchner Platzes bis zur Nöthnitzer Straße angelegt. 1925 weihte die katholische Gemeinde “St. Paulus” ihr Gotteshaus auf der Bernhardstraße. Am 13./14. Februar 1945 gehörte
die Südvorstadt zu den am schwersten getroffenen Stadtteilen. Vor allem im “Amerikanischen Viertel” zwischen Bahngleisen und Reichenbachstraße vernichteten die Bomben fast die komplette Bebauung. Schwere Schäden
entstanden aber auch im Bereich Nürnberger Straße und am Nürnberger Platz sowie im “Schweizer Viertel”. Bereits Anfang der 50er Jahre wurde die westliche Südvorstadt zu einem der ersten großflächigen Wiederaufbauviertel Dresdens erklärt. Nach Beseitigung der Ruinen
entstanden im Rahmen eines Sonderbauprogramms 1953/54 zwischen Nürnberger und Altenzeller Straße Neubauten in klassischer Bauweise (Foto). Bevorzugt wurden
diese Wohnungen an Bergleute der SDAG “Wismut” vergeben. Unter Einbeziehung der verbliebenen Gründerzeithäuser entwickelte sich das “Nürnberger Ei” zu einem
neuen Stadtteilzentrum mit Geschäften und einer gleichnamigen Wohngebietsgaststätte. Arbeiterwohnungsbaugenossenschaften komplettierten das Viertel zwischen 1955 und
1957 um weitere Wohnblocks und gesellschaftliche Einrichtungen. Auch Wohnheime der Technischen Universität und
einige Erweiterungsbauten für den Lehrbetrieb wurden errichtet. Am Friedrich-List-Platz befand sich ab 1952 der Sitz der neugegründeten Hochschule für Verkehrswesen.
Komplizierter gestaltete sich die Situation im völlig zerstörten “Amerikanischen Viertel”. Zwar waren die meisten Ruinen bis Ende der 50er Jahre beseitigt worden,
doch fehlte es an einem grundlegenden Konzept für dieses Gebiet. Lediglich an der Reichenbachstraße und am Strehlener Platz konnten einige Häuser wiederhergestellt
bzw. neu gebaut werden. Plattenbauten folgten in den 70er und 80er Jahren an der Uhlandstraße und der heutigen Fritz-Löffler-Straße. Hinzu kamen Bürohäuser für
verschiedene Institute und volkseigene Betriebe und ein heute vom Finanzamt genutztes Verwaltungsgebäude an der Rabenerstraße. Große Flächen, vor allem im
Bereich Strehlener Straße, liegen jedoch bis heute brach und warten auf eine neue Nutzung.
Nach 1990 konnte mit der Schließung einiger Baulücken begonnen werden. Private Investoren errichteten Neubauten an
der Reichenbachstraße, im Gebiet um die Lukaskirche (“Lukas-Areal”) und auf Einzelgrundstücken rund um den Beutlerpark. Als städtisches Bauvorhaben ist in den kommenden Jahren der Bau einer modernen Feuerwache an der
Strehlener Straße vorgesehen. Schulen in der Südvorstadt: 8. Bürgerschule: Das Gebäude an der Gutzkowstraße entstand kurz vor der Jahrhundertwende und
wurde zunächst von der 8. Bürgerschule genutzt. Nach dem Ersten Weltkrieg befand sich hier bis zur Zerstörung 1945 die 50. Volksschule. Als eines der wenigen Häuser im “Amerikanischen Viertel”
überstand die Ruine die Großflächenenttrümmerung der 50er Jahre und wurde als Lager einer Papierfabrik notdürftig wiederhergestellt. 1999 ließ das privatisierte Unternehmen die Schule unter
Einbezug der verbliebenen Bausubstanz wieder aufbauen. Details an der Fassade (Foto) des heute als Bürohaus genutzten Gebäudes erinnern noch an dessen einstige Funktion.
19. Bezirksschule: Die Schule entstand Ende des 19. Jahrhunderts an der damaligen Sedanstraße 19-21
(Foto). Ab 1904 bzw. 1906 war hier auch das Schulmuseum des Sächsischen Lehrerverbandes sowie das Heimatkundliche Schulmuseum des Dresdner
Lehrervereins untergebracht. Neben historischen Sachzeugen zur Schulgeschichte besaßen die beiden Museen auch eine bedeutende Lehrmittelsammlung. Nach dem
Ersten Weltkrieg als 19. Volksschule bezeichnet, fiel das Schulhaus 1945 den Bomben zum Opfer. Heute werden Teile des Grundstücks von der Mensa der
Hochschule für Technik und Wirtschaft (ehem. Hochschule für Verkehrswesen) eingenommen.
Fritz-Löffler-Gymnasium:
Das Gebäude des heutigen Fritz-Löffler-Gymnasiums wurde 1956 als erster Dresdner Schulneubau der Nachkriegszeit errichtet und am 1. September eingeweiht. Da das zunächst von der 3. Mittelschule genutzte Schulhaus
(Foto) an der Bernhardstraße schon wenige Jahre später zu klein war, entstand 1963 ein Ergänzungsflügel. 1970 folgte die bereits in den Ursprungsplänen vorgesehene
Turnhalle. Die später als 3. POS bezeichnete Schule auf der Bernhardstraße erhielt 1981 den Namen des antifaschistischen Widerstandskämpfers Georg Schumann
verliehen, welcher 1945 im Hof des Landgerichtes am Münchner Platz hingerichtet worden war.
Im Zuge der Umstrukturierung der Dresdner Schullandschaft nach 1990 wandelte man die Schule zum Gymnasium
Dresden-Südvorstadt um. 1993 bekam dieses den Namen des verdienstvollen Denkmalpflegers Fritz Löffler, wurde
jedoch im Sommer 2007 geschlossen und im Anschluss als Interimsquartier des Vitzthum-Gymnasiums genutzt. Die seit 1999 unter Denkmalschutz stehenden Gebäude sollen künftig von der 46. Mittelschule übernommen werden. Die
Brunnenplastik “Junge Naturforscher” vor dem Schulgebäude stammt von Walter Reinhold. Weiterführende Literatur und Quellen
Südvorstadt-Nachrichten 20. Mai 2010:
Acht neue Bronzeglocken für die Russisch-Orthodoxe-Kirche werden feierlich geweiht. Die in der Ukraine nach historischem Vorbild gegossenen Glocken ersetzen das 1917 eingeschmolzene Originalgeläut. Erst 1976 hatte die Kirche vier provisorische Glocken minderer Qualität erhalten. Die neuen sollen nach Restaurierung des Glockenstuhls im kommenden Jahr aufgehängt werden.
22. April 2010:
Ein ehemaliges Bürogebäude auf der Schnorrstraße 59 wird derzeit zu einer modernen Reihenhausanlage umgebaut. Insgesamt sind sieben Reihenhäuser in verschiedenen Größen und mit moderner Ausstattung vorgesehen.
6. April 2010:
Die Gedenkstätte im ehemaligen Landgericht am Münchner Platz wird umgestaltet. Dabei sollen die Ausstellungsfläche verdoppelt und die Kellerräume zugänglich gemacht werden. Der Haupteingang wird zum Münchner Platz verlegt. Voraussichtlich zum Jahresende werden die arbeiten abgeschlossen. Die Gedenkstätte informiert über die politische Strafjustiz während der Nazizeit und nach 1945.
1. Dezember 2009:
An der Ecke Uhland-/Schnorrstraße entsteht eine moderne Fahrzeughalle für Versuchsfahrzeuge der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Künftig sollen hier Fahrzeuge und
Geräte sowie Motoren des Studiengangs Fahrzeugtechnik untergestellt werden. Geplanter Fertig- stellungstermin ist September 2010.13. November 2009:
Der Beutlerpark soll in den kommenden Monaten nach historischem Vorbild wiederhergestellt werden. Zunächst sollen alle Wege wie in den 1950er Jahren rekonstruiert werden.
Hinzu kommen Ersatzpflanzungen für gehölze sowie die Aufstellung weiterer Bänke und Papierkörbe. 2. November 2009:
Baustart für die neue Kindertagesstätte der Lukaskirchgemeinde. Die Kita auf der Hochschulstraße 33-35 wird künftig Platz für 90 Jungen und Mädchen bieten. Der Erwerb des
Areals war durch den Verkauf der Ruine des ehemaligen Pfarramtes am Lukasplatz möglich geworden. 22. Oktober 2009:
Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten wird die Feierhalle des Alten Annenfriedhofs am Totensonntag neu geweiht. Seit Mai waren Dach und Fassade komplett erneuert worden.
21. Oktober 2009: Auf dem Grundstück Schnorrstraße 50 wird in den kommenden Monaten eine neue Kindertagesstätte errichtet. Der Neubau ersetzt das baufällige Vorgängergebäude aus dem
Jahr 1975. Mit den Arbeiten soll im Januar 2010 begonnen werden, die Fertigstellung ist Ende 2010 geplant. 20. August 2009:
An der Semperstraße entsteht derzeit eine weitere Wohnanlage. Nach Bauvorhaben auf den Grundstücken Nr. 2, 4 und 6 werden derzeit sechs Stadthäuser an der
Semperstraße 16 errichtet. Die modernen Wohngebäude im “Platanengarten” sollen Ende des Jahres bzw. im kommenden Frühjahr übergeben werden. 19. Juni 2009:
Das ehemalige Stadtteilrathaus des Stadtbezirks Dresden-Süd am Fritz-Förster-Platz 2 wird nach seiner Sanierung als neuer Firmensitz der Saxonia Systems AG eingeweiht. Das 1905
erbaute Gebäude war zuvor denkmalgerecht saniert und auch im Inneren weitgehend originalgetreu wieder hergestellt worden. 6. Juni 2009:
Auf der Grundstück des 1945 zerstörten Pfarrhauses der Lukaskirche soll im September mit dem Bau eines Seniorenheimes begonnen werden. Das Heim bietet künftig 60
Pflegeplätze und 20 betreute Wohnungen. Die Ruinen des Erdgeschosses und das Portal werden in den Neubau integriert. 5. Juni 2009:
Die private Akademie für Informations- und Kommunikationsdesign richtet mit Beginn des neuen Schuljahres ein privates Gymnasium ein. Dafür wird eine Etage des Gebäudes
Semperstraße 2 ausgebaut. Schwerpunkt der Schule ist die künstlerische Richtung.
Literatur zur Geschichte der Südvorstadt und anderer Stadtteile finden Sie auch hier: |
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