Die Pirnaer Landstraße ist Teil einer alten Verbindungsstraße zwischen der Dresdner Altstadt und der Burg Dohna. Bereits 1315 wurde sie als “Pirnaische Landstraße” erwähnt und hatte ihren Ausgangspunkt am
Pirnaischen Tor. Von dort führte sie parallel der heutigen Grunaer Straße und durchquerte den Großen Garten. Noch heute erinnert ein altes Sühnekreuz in der Nähe des Palais an den früheren Straßenverlauf. Nach Erreichen
der Grunaer Flur entsprach die Straßenführung weitgehend der jetzigen. Während die Straße in Gruna und Seidnitz Bodenbacher Straße genannt wird, trägt sie nach Überqueren der Ortsgrenze zu Dobritz (Höhe Paracelsusstraße) den Namen Pirnaer Landstraße. Von hier führt sie über Leuben, Großzschachwitz und Sporbitz bis zur Stadtgrenze und von dort weiter nach Heidenau und Pirna.
Nach Zerstörung der Burg Dohna im Zuge der “Dohnaischen Fehde” 1402 wurde diese Straße Hauptverbindung nach Böhmen und entsprechend stark von Kaufleuten
genutzt. Rasthäuser befanden sich u. a. in Gruna und Seidnitz. Auch der frühere Leubener Gasthof, welcher später zum Operettentheater umgebaut wurde, profitierte
vom Durchgangsverkehr auf der Pirnaer Landstraße. Bis Mitte des 19. Jh. führte die Straße außerhalb der Dorfkerne meist durch unbebautes Gebiet. Erst im
Zusammenhang mit der zunehmenden Industrialisierung entstanden zahlreiche neue Mietshäuser, Gärtnereien und Gewerbebetriebe. Ab 1925 verkehrte die
Straßenbahn zwischen Seidnitz und Leuben über die Pirnaer Landstraße, die bis heute eine der wichtigsten Verkehrsadern des Dresdner Ostens geblieben ist.
Dobritz:
In Dobritz haben sich an der Pirnaer Landstraße noch einige Gebäude aus der dörflichen Vergangenheit des Ortes
erhalten. Die Häuser Nr. 30-34 entstanden als “Drescherhäuser” zur Unterbringung von Saisonarbeitskräften, die auf
den Dobritzer Gütern während der Erntezeit eingesetzt waren. Größtes Anwesen war das ehemalige Vorwerk Pirnaer
Landstraße 38, welches sich später im Besitz des Rates der Stadt Dresden befand und deshalb auch Stadtgut genannt
wurde. Nach 1945 übernahm das Volksgut Pillnitz dieses Objekt als Zweigbetrieb. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht seit 1883 die Schule des Ortes. Nach Verlassen des Dorfkerns wird in der Nähe der Einmündung
der Straßenbahntrasse von Prohlis der Niedersedlitzer Flutgraben auf einer Brücke überquert und wenig später Leubener Flur erreicht. Leuben:
Auch in Leuben sind noch einige historische Gebäude des früheren Dorfkerns zu sehen. Neben dem alten Dorfgasthof (heute Operettentheater) zeugen die einstigen Häusleranwesen Pirnaer Landstraße 141, 142 und 146 von der
Geschichte des Ortes. Zwischen 1970 und 1974 wurde auf ehemaligen Feldern und Gärtnereiflächen zwischen Pirnaer Landstraße und Breitscheidstraße das Neubaugebiet Leuben errichtet. Gasthof ”Feengrotten”:
Die erste Schänke des Ortes entstand um 1420 und befand sich wahrscheinlich schon damals an Stelle des späteren Dorfgasthofes. Ausgeschenkt
wurde ausschließlich Dresdner Bier, da Leuben im Gebiet der Dresdner “Biermeile” lag. Später entwickelte sich diese Schankwirtschaft zum Straßengasthof an der Pirnaer Landstraße.
1899 wurde der alte Gasthof durch einen Neubau im Stil der Gründerzeit ersetzt und nun offiziell als “Gasthof zu Leuben” bezeichnet. Wirtschaftliche Schwierigkeiten führten zu häufigen Besitzerwechseln,
bevor der Gasthof schließlich von Alfred Buschbeck übernommen wurde. Der engagierte Wirt ließ das Haus 1925
zum Ball- Etablissement umbauen und nannte seinen Gasthof fortan “Feengrotten”. Schnell entwickelte sich das Haus zu einem der beliebtesten Tanzgasthöfe im Dresdner Osten. Neben dem prunkvollen Saal (Foto oben) gehörten
Fremden- und Vereinszimmer sowie eine Kegelbahn dazu. Erst die Einschränkungen der Nazizeit und der Zweite Weltkrieg beendete diese glanzvolle Epoche des Leubener Gasthofes. Da das Gebäude von
Zerstörungen verschont geblieben war, wurde der Saal bereits im Sommer 1945 als Veranstaltungsort genutzt und war fortan Schauplatz für Kabarett-
und Theateraufführungen. 1947 wurden die “Feengrotten” zum “Apollo-Theater” umgewandelt und waren Spielstätte einer privaten Bühne um den Schauspieler Georg
Wörtge. 1953 übernahm die Stadt Dresden das Haus und richtete hier das Operettentheater ein (Foto)
. Die angeschlossene Gaststätte trägt den Namen “Fledermaus” nach dem bekannten Stück von Johann Strauss.
Großzschachwitz: Kaufhaus Günther:
Die bekannte Verkaufseinrichtung im Dresdner Osten wurde 1902 von Otto Günther als Haushaltswarengeschäft eröffnet. 1930 entstand an der Pirnaer
Landstraße 230 das bis 2007 genutzte dreigeschossigeKaufhausgebäude. Im Angebot des zu den wenigen privaten Kaufhäusern der DDR gehörenden Warenhauses waren
vor allem Haushaltwaren, aber auch Porzellan und Glas, Eisenwaren und Spielzeug sowie Kleinmöbel und elektrische Hausgeräte. 1992 erfolgte eine Modernisierung des
Gebäudes, welches bis zur Schließung am 22. Dezember 2007 in Familienbesitz der Familie Günther/Metzig blieb.
Gasthof Großzschachwitz:
Der um 1875 erbaute Gasthof an der Pirnaer Landstraße 239 besaß neben den Gasträumen auch zwei große Ballsäle, in den regelmäßig Tanzveranstaltungen, Konzerte und Theateraufführungen statfanden. 1919 erwarb die
Familie Alschner den Gasthof und bewirtschaftete ihn bis 1947. 1929 erhielt sie die Genehmigung zur Aufführung von Filmen. Nach der Enteignung 1951 diente das
Gebäude als Lager und wurde nach 1990 zum Geschäftshaus umgebaut. Den ehemaligen großen Ballsaal nutzt heute die Baptistengemeinde.
Certo-Kamerawerk:
Die Firma wurde 1902 in der Johannstadt von Alfred Lippert und Karl Peppel als Werkstatt zur Herstellung photographischer Apparate gegründet und hatte ihren Sitz auf der Hertelstraße 35. 1905 wurde sie aus
Platzgründen zur damaligen Pirnaischen Straße 11 nach Großzschachwitz verlegt und erhielt ein Jahr später die neue
Betriebsbezeichnung “Certo Fabrik photographischer Apparate und Bedarfsartikel GmbH”. Der Firmenname ist vom
lateinischen Wort “certus” = sicher, zuverlässig abgeleitet und sollte den hohen Qualitätsanspruch des jungen Unternehmens verdeutlichen. 1917 übernahm Emil Paul Zimmermann die Fabrik. Obwohl Certo zu den kleineren
Kameraherstellern gehörte, erlaubte der Erfolg 1928/29 einen Neubau für die ca. 150 Angestellten und die Einführung
der Großserienfertigung. Bis zur Einstellung der zivilen Produktion wurden hier neben Zulieferartikeln für andere Dresdner Hersteller Kameras der Marken “Certo” und “Dollina” hergestellt.
Das Werk überstand den Zweiten Weltkrieg unzerstört und konnte trotz russischer Demontage 1946 die Produktion wieder aufnehmen. Werksingenieur Erhard Hempel konstruierte 1948 eine neue Kleinbild-Klappkamera und
entwickelte bestehende Modellreihen weiter. Diese wurden sowohl für den Inlands- wie auch für den ausländischen
Markt gefertigt. Unter der Leitung der Familie von der Gönna blieb das Werk bis 1972 in Privatbesitz und wurde erst
1980 als VEB Certo-Kamerawerk Dresden in das Kombinat Pentacon eingegliedert. Zwei Jahre später endete der Bau eigener Modelle, zuletzt wurden hier Teile verschiedener Pentacon-Fotoapparate hergestellt. |