Die Kesselsdorfer Straße bestand schon gegen Ende des 12. Jh. als Teil einer alten
Verbindungsstraße zwischen dem Kloster Nossen und dem Klosterhof in Leubnitz. Zugleich verband sie die Stadt Dresden mit dem bedeutenden Bergbauzentrum um
Freiberg. Ursprünglich wurde sie als “Freybergische Straße” bezeichnet und gehört zu den wichtigsten alten Fernverbindungen im Dresdner Raum. August der Starke ließ sie im 18.
Jh. zur Poststraße ausbauen und mit Postmeilensäulen versehen, von denen jedoch keine erhalten blieb. 1704 entstand in diesem Zusammenhang eine steinerne Brücke über die Weißeritz.
Zwischen 1810 und 1812 wurde die Straße im Auftrag Napoleons zur Chaussee ausgebaut und erhielt dabei im Wesentlichen ihren heutigen Verlauf. Ab 1871 wurde sie zunächst Wilsdruffer Straße genannt, ab 1904 Kesselsdorfer
Straße. Dieser Name wurde nach der Eingemeindung auch auf die Straßenabschnitte in Gorbitz (1926) und in Gompitz (1999) übertragen. Seit 1881 verkehrte eine Pferdebahn bis zum 1875 entstandenen Neuen Annenfriedhof. 1893/96 wurde
diese Strecke elektrifiziert und bis zum Straßenbahnhof Naußlitz verlängert. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg entwickelte
sich die Kesselsdorfer Straße zum Stadtteilzentrum der westlichen Dresdner Vororte mit zahlreichen Geschäften und Gaststätten (Foto: Einmündung Wernerstraße)
. Im unteren Teil fielen einige dieser Gebäude 1945 den Bombenangriffen zum Opfer, darunter der bekannte “Drei-Kaiser-Hof” und die “Musenhalle” an der Poststraße. Erst nach 1990 wurde mit der schrittweisen Schließung der Baulücken begonnen.
Löbtau: Vor allem der untere Teil der Kesselsdorfer Straße ist bis zur Gegenwart als Einkaufszentrum von Bedeutung. In der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden hier zahlreiche Wohn- und Geschäftshäuser. Erwähnenswert sind u.a. die
Modehäuser Schacht & Hödel (Nr. 22), das Schuhhaus Schleinitz (Nr. 14) sowie das Kaufhaus Möbius (Nr. 20), eine
Filiale des bekannten Dresdner Großkaufhauses auf der Wilsdruffer Straße. Im Hintergebäude des letztgenannten
Grundstücks gab es vor 1945 das Kino “Westend-Lichtspiele”. Zahlreiche Gebäude fielen 1945 den Bomben zum Opfer. Die entstandenen Baulücken konnten erst nach 1990 teilweise geschlossen werden.
Chausseehaus: Das Gebäude entstand 1811 an der Ecke Kesselsdorfer/Tharandter Straße und diente der Erhebung des
Chausseegeldes für die Benutzer dieser Straße. Das Haus wurde von G. F. Thormeyer entworfen und war mit über 20.000
Mark jährlicher Einnahme ergiebigstes Einnehmerhaus in Sachsen. Nach Aufhebung des Chausseegeldes 1885 verlor es an Bedeutung und wurde wenige Jahre später abgebrochen. Kesselsdorfer Passagen:
Der moderne Gebäudekomplex wurde 1997/98 auf dem Grundstück Nr. 4/6 errichte und beherbergt mehrere Läden und Restaurants. Zuvor standen hier noch einige
Anfang des 19. Jh. errichtete Wohnhäuser, darunter das 1945 teilzerstörte Gebäude der Likörfabrik Max Herzog. In Anlehnung an die frühere Gaststätte auf der gegenüberliegenden
Straßenseite wurden die “Kesselsdorfer Passagen” 2000 in “Drei-Kaiser-Hof” umbenannt.
Löbtau-Passage:
Das moderne Einkaufszentrum entstand 2008/09 auf dem Grundstück des früheren “Dreikaiserhofes” und einiger Nebengebäude. Im Erdgeschoss befindet sich eine Ladenpassage, im Obergeschoss ein Parkdeck. Zuvor war das
Grundstück des 1945 zerstörten Hotels zeitweise Standort des “Möbelhauses West”, später einiger Verkaufspavillons. In
den Neubau wurde auch der Mustersaal der ehemaligen Lampenfabrik Seifert auf der Gröbelstraße integriert. Hier hatte 1906 die erste öffentliche Ausstellung der “Brücke”-Künstler stattgefunden.Eröffnungstermin ist der 1. Februar 2009. Konsument-Warenhaus:
Das Warenhaus entstand nach 1945 als erstes neu erbautes Dresdner Kaufhaus der Nachkriegszeit. Hier eröffnete die HO am 25. November 1948 ein Fachgeschäft, in dem man Textilien, Schuhe und
Industriewaren ohne Bezugsscheine erwerben konnte. Auch nach Normalisierung der wirtschaftlichen Lage blieb das Konsument-Warenhaus ein Anziehungspunkt der Bevölkerung. Nach 1990 schloss es seine Pforten und wurde 1996
zugunsten eines Geschäftshauses abgerissen. Kandler´s Hotel & Restaurant: Die Gaststätte wurde 1995 in dem Ende des 19. Jh. errichteten Wohnhaus Kesselsdorfer
Straße 40 eingerichtet. Neben Übernachtungsmöglichkeiten besitzt das Haus auch ein im Stil der Gründerzeit eingerichtetes
Restaurant, welches vor allem Gerichte der regionalen Küche anbietet. Zu den Gästen des Hotels gehörten u.a Johannes Heesters, Lotte Huber und Wolfgang Stumpf. Naußlitz:
Die Bebauung der Kesselsdorfer Straße auf Naußlitzer Flur begann ab 1870, als hier erste Mietshäuser entstanden. Der
abseits des Dorfkerns gelegene Ortsteil an der Kesselsdorfer und der Pietzschstraße wurde inoffiziell auch als Neu-Naußlitz bezeichnet. Straßenbahnhof Naußlitz:
Bedeutendstes Gebäude ist der 1902 eröffnete Straßenbahnhof Naußlitz, einer der wenigen Industriebauten im Jugendstil in Dresden. Das Gebäude entstand
ab 1899 nach Plänen des Architekten Edmund Körner und besteht aus einem Verwaltungsgebäude (Foto) sowie der Wagenhalle. 1945 wurde der Bau schwer beschädigt,
konnte jedoch nach seiner Wiederherstellung weiterhin genutzt werden. Zuletzt diente der frühere Straßenbahnhof als Busdepot und wurde 1996 geschlossen. Nach dem Verkauf an
eine private Investorengruppe entstand hier ein modernes Einkaufszentrum. Die frühere Wagenhalle wurde dabei mit Ausnahme der Außenwände abgerissen. Auf dem Dach befindet sich heute ein Parkdeck. Im
denkmalgerecht sanierten Hauptgebäude sind seit 2005 Büros, Arztpraxen und Wohnungen untergebracht.
Nr. 82:
Das um 1910 errichtete Doppelhaus an der Kesselsdorfer Straße / Emil-Ueberall-Straße 82 gehört zu den architektonisch beindruckendsten Gebäuden in diesem Abschnitt. Mit zahlreichen Loggien und Balkonen und modernen
Schmuckelementen orientierte sich dieses Mietshaus an den gewandelten Architekturauffassungen seiner Zeit. Nach 1990 wurde das Gebäude denkmalgerecht saniert. Wölfnitz:
Gasthof Wölfnitz: Der Gasthof entstand um 1810 im Zusammenhang mit dem Ausbau der Kesselsdorfer Straße zur
Chaussee und wurde 1816 erstmals erwähnt. Zu den Gästen gehörten vor allem Fuhrleute auf ihrem Weg nach Freiberg.
1879 ließ der Gastwirts Friedrich August Köhler einen großen Saal für verschiedene Veranstaltungen anbauen. Für einen
zusätzlichen Gästezuwachs sorgte die ab 1. August 1900 bis hier verkehrende Straßenbahn. 1945 wurde hier ein als
“Filmbühne Wölfnitz” bezeichnetes Kino eingerichtet, wobei Teile der aus der zerstörten Musenhalle geretten Kinotechnik
zum Einsatz kamen. Am 20. Februar 1985 zerstörte ein Brand den Kinosaal, woraufhin der Gasthof drei Jahre später dem Abbruch verfiel. An seiner Stelle befindet sich heute ein Supermarkt. Nr. 116:
Das Gebäude gehört zu den wenigen Villenbauten an der Kesselsdorfer Straße und wurde 1912 für einen Dresdner Fabrikanten errichtet. Gorbitz:
Während im unteren Teil der Kesselsdorfer Straße ab 1880 zu beiden Seiten mehrgeschossige Wohn- und Geschäftshäuser
entstanden, blieb die Gorbitzer Flur bis 1980 weitgehend unbebaut. Lediglich am Rande des Dorfkerns Niedergorbitz
standen einige Bauerngüter und Mietshäuser. Pläne zur Errichtung eines großen Wohnviertels zwischen Löbtau und der
heutigen Julius-Vahlteich-Straße scheiterten am Beginn des Ersten Weltkrieges. Auch nach 1945 blieben die Flächen des
früheren Kammergutes unbebaut und wurden bis in die 70er Jahre landwirtschaftlich genutzt. Erst der Beschluss zum Aufbau eines großen Neubaugebietes am Gorbitzer Hang veränderte das Bild. Bis 1990 war das Areal bis an die Stadtgrenze in
Gompitz fast komplett mit Wohnblocks bebaut. Moderne Einkaufsmärkte und Gewerbebetriebe folgten in den letzten
Jahren. Auf der linken Straßenseite sind noch einige historische Bauerngüter von Nieder- und Obergorbitz erhalten, die teilweise saniert wurden. Nr. 139:
Das Gorbitzer Wohnhaus des Kreishauptmannes Sahrer von Sahr war am 9./10. November 1813 Verhandlungsort zwischen Vertretern der französischen Besatzer und den Verbündeten. Im Ergebnis der Gespräche
kapitulierten die französischen Einheiten und zogen kampflos aus Dresden ab, wodurch der Stadt eine lang andauernde
Belagerung erspart blieb. An das Ereignis erinnerten später einige in die Fassade eingemauerte Kanonenkugeln, die nach 1990 bei der Sanierung des Gebäudes jedoch beseitigt wurden.
Gasthof “Zum alten Dessauer”: Die frühere Gaststätte auf der Kesselsdorfer Straße 177 verdankt ihren Namen dem
Aufenthalt des Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau, der im Zusammenhang mit der Schlacht von Kesselsdorf am 15. 12.
1745 hier weilte. Fürst Leopold, wegen seiner militärischen Fähigkeiten auch “der alte Dessauer” genannt, führte als
Feldmarschall die preußischen Truppen während der Schlacht und brachte der sächsischen Armee eine vernichtende
Niederlage ein. 1875 entstand ein Gasthof, dessen Räume heute von einer Pizzeria genutzt werden. Nach 1945 hatte hier zeitweise der Dorfklub Gorbitz sein Domizil. Landeskrone:
Die Gaststätte entstand Ende des 19. Jh. an der Ecke zur Hirtenstraße. Auch nach 1945 blieb das Gasthaus in Betrieb und schloss erst um 1970 seine Pforten. Das Gebäude wird
seitdem gewerblich genutzt und nach 1990 umfassend saniert. Unweit der “Landeskrone” befand sich mit dem “Reichsschmied” ein weiteres bekanntes Lokal, welches nach 1945 als DEFA-Studio für
Trickfilme bekannt wurde.
Ziegelei Kunath: Die Ziegelei auf Obergorbitzer Flur wurde 1873 gegründet und befand sich ursprünglich im Besitz des
Premierleutnants Bertram. Nach dessen Konkurs ersteigerte sie 1879 der Gorbitzer Unternehmer E. F. Wilhelm Kunath
und baute sie zu einem der modernsten Ziegeleibetriebe im Dresdner Umland aus. U.a. ließ er einen neuen Ringofen
errichten, stationierte eine Dampfmaschine und mehrere Ziegelpressen. Die Kapazität des Werkes, zu dem auch
ausgedehnte Lehmgruben gehörten, betrug zu Spitzenzeiten bis zu 6,5 Millionen Ziegel im Jahr. Zur Beförderung des
Rohmaterials setzte Kunath eine elektrisch betriebene Feldbahn ein. Auch die Fördermaschinen besaßen bereits elektrischen Antrieb, ein Novum zu dieser Zeit.
Bis zum Zweiten Weltkrieg blieb das Unternehmen in Familienbesitz, musste dann jedoch kriegsbedingt schließen. Erst 1950
wurde die Produktion wieder aufgenommen, nachdem man sich zuvor einige Jahre der Fertigung von Betonfertigteilen
gewidmet hatte. 1972 wurde die Ziegelei zwangsweise verstaatlicht und zum VEB Ziegelwerke Gorbitz. Trotz ausreichender
Rohstoffvorräte entschloss man sich 1977, bedingt durch den starken Verschleiß der vorhandenen technischen Anlagen, zur Schließung der Ziegelei. Auf dem Areal entstand wenig später das Neubaugebiet Gorbitz.
Gompitz: Oberhalb des Gorbitzer Hangs erreicht die Kesselsdorfer Straße die Fluren von Gompitz. Hier befindet sich u.a. der Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Gasthof Gompitz, welcher heute als Schnitzel-Spezialitätenrestaurant “Schnizz” dient. Im
Zusammenhang mit dem Ausbau der Straße zum Autobahnzubringer wurden 2007 die Wohnhäuser Kesselsdorfer Straße
306 bis 310 sowie Nr. 271, 275 und 277 abgerissen. Seit November 2008 verkehrt parallel zur Straße die Straßenbahn bis zur Gleisschleife in Pennrich. |