Der Städtische Vieh- und Schlachthof wurde 1906/10 im Ostragehege angelegt, nachdem
die bisher genutzten Gebäude an der Leipziger Straße (Alter Schlachthof) nicht mehr den
Anforderungen an eine moderne Fleischverarbeitung genügten. Für den Bau nutzte man eine Erhebung in der Nähe der alten Weißeritzmündung, die zu einer künstlichen Insel hochwasserfrei aufgeschüttet wurde.
Nach Plänen des Stadtbaurates Hans Erlwein entstand eine architektonisch interessante abgeschlossene Anlage mit ca. 70 Einzelgebäuden. Darunter befanden sich der Viehhof,
Ställe für Groß- und Kleinvieh, Schlachthallen sowie Kühl- und Lagerhäuser. Im Mittelpunkt lag das Kessel- und Maschinenhaus (Foto)
mit seinem markanten, weithin sichtbaren Schornsteinturm. Außerdem gab es eine Gaststätte mit Hotel, in welchem auswärtige Viehhändler übernachten konnten. Am 19. August 1910 ging der neue Schlachthof, der
seinerzeit zu den modernsten Europas gehörte, in Betrieb. Die Schlachtkapazität des Betriebes betrug zu Beginn 550 Rinder, 3450 Kälber und Schafe sowie 2500 Schweine am
Tag. Außerdem fanden auf dem Gelände große Viehmärkte statt, eine Tradition, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg
endete. Um das Unternehmen effizient und weitgehend autark betreiben zu können, erhielt die Schlachthofinsel Anschluss
an das Eisenbahnnetz sowie eine Straßenbahnverbindung zur Friedrichstadt. Außerdem entstand ein eigenes Kraftwerk sowie eine Kläranlage zur Aufbereitung des anfallenden Abwassers. Bereits nach
Ende des Ersten Weltkrieges machten sich einige Erweiterungsbauten erforderlich, die in das Ursprungskonzept der Erlweinschen Anlage eingefügt wurden.
Glücklicherweise blieb das abseits gelegene Gelände des Städtischen Vieh- und Schlachthofes 1945 von größeren Zerstörungen verschont. Nach 1945 übernahm der
VEB Dresdner Fleischkombinat das Areal und produzierte hier noch bis 1994 Fleisch- und Wurstwaren. Für die ca. 2000 Beschäftigten richtete man zu
DDR-Zeiten eine eigene Kinderkrippe, einen Kindergarten sowie ein betriebseigenes Kulturhaus ein. Hinzu kam ein 1982 errichtetes Wohnheim für die Auszubildenden des
Schlachthofes. Trotz Mangelwirtschaft gelang es, Teile der Produktionsstätten zu rekonstruieren und an moderne Qualitätsstandards anzupassen. Unzureichende Werterhaltungsmaßnahmen und einige maßstabslose Neubauten
beeinträchtigten jedoch das historische Erscheinungsbild.
Nach Schließung des Schlachthofes standen die Bauten zunächst leer, bevor man sich nach mehrjähriger Diskussion entschied, den Schlachthof künftig als Standort der Dresdner Messe zu
nutzen. 1999 begann die Sanierung einiger Hallen unter Beachtung denkmalpflegerischer Forderungen. Auch der frühere Eingangsbereich und weitere Erlweinbauten konnten äußerlich
originalgetreu wiederhergestellt werden. Das nach Entwürfen von Walter Kaplan umgestaltete Messegelände wurde im September 1999 eingeweiht (Foto). Weitere Bauten nutzen das
Leistungszentrum von Dynamo Dresden sowie die Jugendsportschule mit Sportmittelschule und -gymnasium. Teile des Schlachthofes stehen jedoch noch immer leer.
Einzelne Bauten:
Viehhof: Der frühere Viehhof diente ursprünglich als Marktplatz für die bis 1945 regelmäßig durchgeführten Viehmärkte,
bei denen Schlachttiere taxiert und gehandelt wurden. Zum Komplex gehörten zwei Markthallen für Rinder sowie eine weitere Halle für Schweine und Kälber. Außerdem gab es ein heute nur noch teilweise vorhandenes
Verwaltungsgebäude, mehrere Futterställe sowie einige Kleinbauten. Das Areal wurde von Erlwein in Form eines Gutshofes gestaltet und ist heute weitgehend verfallen. Schlachthof:
Dieser Gebäudekomplex bildete das eigentliche Zentrum des Areals und bestand aus zwei Schlachthallen für Großvieh sowie weiteren Hallen für die Schlachtung von Schweinen und kleineren Tieren (Foto)
. Die Gebäude entstanden in baulich ähnlicher Form und wurden ebenfalls architektonisch ansprechend gestaltet. Gemeinsam mit dem alten Kühlhaus werden diese Hallen nach ihrem Umbau heute als
Messehallen genutzt. Gelegentlich finden hier auch Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen statt.
Zum Schlachthof gehörte auch der sogenannte Amtsschlachthof mit Kuttlerei, Düngerhaus sowie das Darmhaus, in
denen erkrankte Tiere sowie Schlachtabfälle weiterverarbeitet wurden. Hier befanden sich auch weitere Nebenanlagen wie die Talgschmelze und die Häuteverwertung sowie eine zuletzt als Waagenbauwerkstatt genutzte
Abwasseraufbereitung. Leider sind diese Gebäude heute größtenteils verfallen. Kulturhaus:
Das ehemalige Kulturhaus des Fleischkombinates entstand 1952 in den Räumlichkeiten des früheren Pferde-
und Hundestalls. An der Nordfassade erinnert ein Sgraffito mit der Darstellung eines Gitarrespielers an die spätere
Nutzung. Bereits 1925 war dieses Gebäude erweitert und mit zwei Zwerchhäusern an der Nordseite versehen worden. Kühlhaus:
Die frühere Kühlhalle gehört zu den größten Gebäuden des Schlachthofkomplexes und wurde, wie auch die meisten anderen Bauten, mit architektonisch interessant gestalteten Fassaden versehen. Am Kopfbau befindet sich ein
farbiges Mosaik mit der Darstellung zweier Bauern, die einen Stier zum Schlachter führen. Unmittelbar neben dem alten
Kühlhaus steht eine weitere Halle mit großen Einfahrtstoren und einer Uhr, die Kühlhaus und Schlachthallen miteinander verbindet. Diese Gebäude bilden heute das Kernstück des Messegeländes.
Kessel- und Maschinenhaus: Weithin sichtbar ist das frühere Kessel- und Maschinenhaus, welches als Wahrzeichen des
Schlachthofes gilt. Um die Stadtsilhouette nicht zu stören, ließ Erlwein den Schornstein des Heizhauses mit einem
kuppelartigen Bau verkleiden, so dass sich die Anlage gut in das Gesamtensemble einfügt. Hier wurde die für den Betrieb des Schlachthofes erforderliche Energie gewonnen. Teile des maroden Maschinenhauses mussten 1993
abgetragen werden. Die verbliebenen Gebäude stehen derzeit leer und warten auf ihre Sanierung. Verwaltungsgebäude:
Als Büro- und Verwaltungsgebäude diente der markante Gebäudekomplex Schlachthofring (heute Messering) 6. Am Giebel befindet sich ein Mosaikbild “Bauer mit Sau”, an den Blendarkaden im Erdgeschoss weisen
Stierköpfe auf die Zweckbestimmung des Gebäudes hin. Außerdem würdigt eine Inschrift “Hoch das edle Fleischerhandwerk” die hier arbeitende Berufsgruppe. Ein
kleinerer Bau am Eingang diente einst als Pförtnerhaus. Im Vorhof steht ein kleiner, von Georg Wrba geschaffener Brunnen, der die Plastik eines Rindes zeigt und die Inschrift
“Der Gesundheit unserer schönen Stadt Dresden 1906/1910” trägt.
An der Fassade des Hauptgebäudes wurde wenige Jahre nach Eröffnung des Schlachthofes eine Tafel angebracht, die vom Dresdner Tierschutzverein
finanziert wurde. Die Inschrift nennt folgende Worte: “Blutig ist ja Dein Amt, o Schlaechter, drum uebe es menschlich. Schaffe nicht Leiden dem Tier, das Du zu toeten bestimmt.
Leit es mit schonender Hand und toete es sicher und eilig. Wuenschest Du selber ja auch: Kaeme doch sanft mir der Tod. Alter Tierschutzverein Dresden”
Neben dem eigentlichen Verwaltungsgebäude befindet sich das frühere Schauamt (Messering 4), welches die Einhaltung der Gesundheitsbestimmungen bei der Schlachtung überwachte.
Die Kartusche mit Inschrift über dem Eingang stammt von August Strohriegl. Nach Abschluss der Sanierung wird hier künftig das Nachwuchs-Leistungszentrum von Dynamo
Dresden untergebracht. Auf dem Nachbargrundstück blieben bis heute die Wohn- und Geschäftshäuser Schlachthofring
1-3 erhalten. Im Erdgeschoss befanden sich früher Verkaufsräume für Fleisch- und Wurstwaren. Diese Gebäude sind als Internat und Gemeinschaftsbereich der Jugendsportschule vorgesehen.
Gastwirtschaft: Der am Haupteingang gegenüber dem Verwaltungsgebäude stehende Bau diente einst als Gastwirtschaft
für die Besucher des Schlachthofes. Neben den Restaurationsräumen gab es hier auch einen großen Börsensaal sowie
ein eigenes Postamt. Die Ausgestaltung der Innenräume übernahm der Maler Paul Perles. Für auswärtige Gäste standen
Hotelzimmer, Ställe und Autogaragen zur Verfügung. Nach 1945 wurde das Gebäude für Verwaltungszwecke und als
Verkaufsstelle genutzt. Später befand sich hier das Veranstaltungslokal “Röschenhof”. 2009 begann der Umbau des Hauses zum Kernstück des künftigen Kongress- und Tagungszentrum “Börse Dresden” mit mehreren Sälen und
Tagungsräumen. In diesem Zusammenhang entstanden ein moderner Neubau sowie ein Verbindungsgang zu den Messehallen 2 und 3. Lehrlingswohnheim:
Das Gebäude entstand 1982 und wurde zunächst als Bauarbeiterunterkunft, später als Wohnheim für die Auszubildenden des Schlachthofes genutzt. 1994 eröffnete hier das “Wenotel”, ein preiswertes Hotel mit 162
Betten. Da das Haus dem Ausbau der neuen Jugendsportschule im Weg stand, musste das Hotel Ende 2004 schließen und wurde wenig später abgerissen. Sportschule:
Die bereits zu DDR-Zeiten entstandene Sportschule hatte ihr Domizil ursprünglich an der Parkstraße. 2007 wurde die aus Sportmittelschule und -gymnasium bestehende Einrichtung ins Ostragehege verlegt und am 1. September
2007 eingeweiht. Die Pläne für den modernen Komplex, in den auch einige denkmalgeschützte Erlwein-Bauten integriert
werden, stammen vom Architektenbüro Meyer & Bassin. Hier werden bis zu 750 Nachwuchssportler unterrichtet. Außerdem gibt es ein Internat für auswärtige Schüler. Anschlussbahn: Zur Anbindung des Schlachthofes an das Eisenbahnnetz entstand zeitgleich mit dessen Bau eine
Verbindungsbahn zum Friedrichstädter Rangierbahnhof. Diese nutzte zunächst die Gleise der Hafenbahn des Alberthafens, zweigte dort auf eine Brücke über die Flutrinne ab und endete direkt im Betriebsgelände, wo es sogar
einen von Erlwein entworfenen Lokschuppen gab. 1991 wurde die Strecke stillgelegt. Die auf 22 Pfeilern ruhende und 300 Meter lange Eisenbahnbrücke wurde im Februar 2006 aus Hochwasserschutzgründen abgetragen. Foto: Die Schlachthofbrücke kurz vor ihrem Abbruch im Frühjahr 2006 Wohnhäuser Schlachthofring (Messering) 25-27:
In Ergänzung der vorhandenen Bebauung entstanden 1926 drei Wohnhäuser, die vorrangig an Angestellte des Schlachthofes vermietet wurden. Die Häuser sind in Anlehnung an
Erlweins Entwürfe gestaltet und fügen sich so harmonisch in das Gesamtbild der Anlage ein. In der zugehörigen
Gartenanlage fand eine Plastik Georg Wrbas Aufstellung, die einen Schlachter mit Schwein zeigt. Seit 2005 befindet sich diese im Innenhof des ebenfalls von Hans Erlwein entworfenen früheren Obdachlosenasyls in Altpieschen. Schlachthofbrücke:
Die Brücke entstand 1931/32 als Verbindung zwischen Friedrichstadt und Schlachthof und ersetzte eine 1899 erbaute Holzbrücke über die Flutrinne. Das neue Bauwerk wurde als geschweißte Stahlbrücke erbaut und am
27. Mai 1932 eingeweiht. |