Die Liebigstraße wurde Mitte des 19. Jahrhunderts beim Bau des “Schweizer Viertels” hinter dem Hauptbahnhof angelegt und nach 1900 im Zusammenhang mit dem weiteren Ausbau der Südvorstadt bis zur
Münchner Straße verlängert. Ihren Namen erhielt sie nach dem deutschen Chemiker Justus von Liebig (1803-1873). Liebig befasste sich u.a. mit den Prozessen beim Stoffwechsel von Tieren und Pflanzen und begründete die
künstliche Düngung in der Landwirtschaft. Auch diese Straße war 1945 von Zerstörungen betroffen, so dass heute nur noch teilweise historische Bebauung erhalten geblieben ist. Die meisten Baulücken konnten jedoch bereits
in den 50er und 60er Jahren geschlossen werden. Einzelne Gebäude: Nr. 1:
Die 1945 zerstörte Villa wurde 1877 für den Kaiserlich-Russischen Staatsrat Wassili Pawlowitsch Baron von Engelhardt (1818-1915) errichtet. Unter dem Pseudonym Basilius von Engelhardt befasste er sich mit Astronomie und schrieb u.a. die dreibändige “Observations Astronomique”, ein Standardwerk der modernen Himmelskunde. Gemeinsam mit dem befreundeten Fabrikanten Gustav Heyde, Besitzer der Firma “G. Heyde - mechanische und optische Präzisions- Werke” ließ sich Engelhardt sein Haus mit einer Sternwarte, einer beweglichen Beobachtungsplattform und verschiedenen Geräten zur Himmelsbeobachtung ausstatten. Bereits zuvor hatte er auf dem Nachbargrundstück Nr. 2 einen massiven Observatoriumsturm errichten lassen. 1945 fielen beide Gebäude den Bomben zum Opfer.
Nr. 3:
Die 1873 von einem unbekannten Architekten errichtete Villa Clara steht beispielhaft für die bis 1945 typische Bebauung des Schweizer Viertels. Der relativ
schlichte Bau mit Attika und Walmdach orientierte sich an den Vorbildern der Nicolai-Schule. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ließen sich private Bauherren
aufwendigere Gebäude in unterschiedlichen Stilformen bauen. Das nach 1990 denkmalgerecht sanierte Gebäude wird heute als “Konrad-Zuse- Haus” von einer Computerfirma genutzt.
Nr. 7:
Das repräsentaive Neorenaissancegebäude entstand um 1880 als eines der letzten Bauwerke im Geist der Nicolai-Schule und gehörte ursprünglich dem königlichen Hofjuwelier Fritz Chrambach, der zugleich das Amt eines
Kaiserlich-Türkischen Konsuls innehatte. Ab 1930 diente die Villa als Privatklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe von
Dr. med. Wilhelm Rübsamen. 1945 brannte das Haus aus, konnte jedoch bis 1949 wieder aufgebaut werden. Unter Leitung Professor Rübsamens, später unter dessen Tochter Ursula, blieb die Frauenklinik auch zu DDR-Zeiten in
Familienbesitz und gehörte zu den wenigen Privatkliniken der Stadt. Heute hat hier eine Werbeagentur ihren Sitz. Fotos: Villa Liebigstraße 7 mit Wandbrunnen Nr. 8:
Nach der Reichsgründung 1870/71 verdrängten im Schweizer Viertel zunehmend mehrgeschossige, aufwendig
gestaltete Mietshäuser die bislang relativ schlicht ausgeführten Villen. Auch der Architekt Bär entschied sich 1873 für den
Bau eines solchen Gebäudes, welches er teilweise selbst bewohnte, zum Teil aber auch an zahlungskräftige Interessenten
vermietete. Trotz einiger baulicher Veränderungen stellt dieses Haus ein interessantes Zeugnis der Wandlung der Architekturauffassungen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dar. Nr. 13:
1893/94 entstand auf dem Grundstück Liebigstraße 13 eine romantische landhausartige Villa mit Treppenturm und
Fachwerkobergeschoss, welche heute nicht mehr vorhanden ist. Architekt war Hermann Kickelhayn, der für mehrere
Villenbauten der Südvorstadt verantwortlich zeichnete. Bekanntestes Dresdner Bauwerk seiner Hand ist das heute von der Kreuzschule genutzte ehemalige Freimaurerinstitut in Striesen. Nr. 23:
Das heute als Ärztehaus genutzte Gebäude beherbergte vor 1933 die Importgroßhandlung des jüdischen
Kaufmanns Weiger. Bis zur Enteignung durch die Nationalsozialisten lebten im Schweizer Viertel zahlreiche wohlhabende
jüdische Familien. Während einigen noch Mitte der Dreißiger Jahre die Flucht gelang, wurden die verbliebenen Bewohner später in “Judenhäusern” konzentriert und von dort in die Vernichtungslager geschickt. Nr. 24:
Das um 1900 errichtete Mietshaus war zeitweise Wohnsitz des Baritons Josef Herrmann (1903-1955). Bis 1945 gehörte er dem Ensemble der Dresdner Staatsoper an und war in der
Nachkriegszeit am Wiederaufbau des Musiklebens in der Stadt beteiligt. U.a. trat er am 10. August 1945 in der ersten Opernaufführung nach dem Zweiten Weltkrieg als “Figaro” auf. Im Keller des Gebäudes (Foto)
befindet sich seit 1991 die beliebte Gaststätte “B. Liebig”.
Nr. 29: In diesem Haus wohnte einst der Kunsthistorikers Fritz Löffler (1899-1988). Löffler
verfasste zahlreiche Werke zur Kunst- und Architekturgeschichte, darunter das populäre Buch “Das alte Dresden” (1956). Bekannt wurde er auch durch seinen unermüdlichen Einsatz für die
Bewahrung der verbliebenen historischen Bausubstanz nach 1945. An ihn erinnert das Fritz-Löffler-Gymnasium an der Bernhardstraße sowie die nach ihm benannte Fritz-Löffler-Straße. 1999 wurde vor seinem früheren Wohnhaus eine Bronzestele aufgestellt.
Nr. 30: Die Villa ist seit 1998 Domizil der Evangelischen Studentengemeinde Dresden. Diese wurde 1949 von christlichen
Studenten der TH gegründet und nutzte bis 1963 eine in Eigeninitiative ausgebaute Baracke auf dem Gelände der 1945
zerstörten Zionskirche. Dann bezog sie die Kellerräume der Ruine des Pfarrhauses am Lukasplatz, bevor 1998 der Treff
zur Liebigstraße 30 verlegt wurde. Regelmäßig finden hier Gemeindeabende, Gesprächsrunden und verschiedene andere Veranstaltungen statt. |